Auf Pilgerpfaden durchs Brandenburger Land – Wunderblutweg, Tag 1

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Es muss nicht immer Santiago de Compostela sein. Ganz in der Nähe Berlins gibt es einen Pilgerweg der scheinbar längst in Vergessenheit geraten ist und nebenbei ganz nah durch Brandenburger Geschichte führt: der Wunderblutweg.

Bereits im 14. Jahrhundert zog es Sünder allerorten nach Wilsnack bei Berlin, um die dortigen Wunder zu bestaunen. Nebenbei wurden bei der Pilgerfahrt Sünden vergeben und konnte so auf den entbehrungsreichen Weg nach Spanien verzichtet werden.

Ziel damals wie heute: die Wunderblutkirche in Bad Wilsnak
Ziel damals wie heute: die Wunderblutkirche in Bad Wilsnak

Wie aus dem verschlafenen Wilsnack ein geheiligter Pilgerort wurde

Es begab sich im Sommer des Jahres 1383. Der Ort: Wilsnack, ein kleiner Weiler im Westen der Prignitz. Die Bewohner des Dorfes amüsierten sich auf dem Kirchweihfest im nahegelegenen Havelberg, der Ort lag verlassen. Dies nutzte Ritter Heinrich von Bülow, welcher in Fehde mit dem Bischof von Havelberg lag, zu dessen Kirchenbesitz die Siedlung gehörte, und verwüstete das Dorf. Die Häuser, die Felder, die kleine Kirche, alles wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Schrecken und Ohnmacht empfanden die Anwohner bei ihrer Rückkehr. Obwohl üblich blieb der Ort von solchen Racheakten bisher verschont. Verzweiflung machte sich breit. Da erschien dem Pfarrer in einem Traum ein Engel und befahl, die Trümmer der Kirche zu beräumen und eine neue heilige Stätte aufzubauen. Der Pater folgte dem Ruf und fand in den Ruinen drei Hostien, die den Brand unbeschadet überstanden hatten. Mehr noch, sie zeigten Male die wie Blutstropfen aussahen. Als hätten die Hostien geblutet. Ein Mysterium.

Schon bald ereigneten sich weitere Wunder rund um Wilsnack. Kranke wurden geheilt, Blinde wieder sehend und voila, Sünden vergeben. Durch die tatkräftige Unterstützung der deutschen Bischöfe, später auch durch die römische Kurie, erfuhr der verschlafene Weiler einen Wandel. Ablässe wurden versprochen. Gefangene wurden zu Pilgerfahrten nach Wilsnack verurteilt. Aus aller Herren Länder strömten die Menschen, um das heilige Blut zu sehen. Der Ort, einst klein und unbedeutend, wurde zum Santiago des Nordens. Die Wege dorthin nannte man Wunderblutwege. Einer davon beginnt in Berlin.

Im Schutz des Baumes rostet ein alter Traktor geduldig vor sich hin.
Im Schutz des Baumes rostet ein alter Traktor geduldig vor sich hin.

Auf dem Wunderblutweg – Tag 1 (25km)

Es ist Montagmorgen. Mein guter Freund Daniel und ich stehen an der Bushaltestelle in Steglitz. Gemeinsam wollen wir die Wanderung nicht in Berlin sondern in Bötzow beginnen, einem kleinen Ort vor den Toren der Stadt. Die Rush-Hour schreckt uns ab, genauso wie der leichte Nieselregen. Dicke Wolken hängen am Himmel und obwohl erst Mitte September, macht sich bereits ein Gefühl von Herbst breit. Hoffentlich bessert sich das Wetter noch.

In Bötzow angekommen steigen wir aus dem Bus und schlagartig fühle ich mich in meine Kindheit versetzt. Die Dörfer meiner Großeltern sahen genauso aus. Eine lange Straße, flache Bauten, zweigeschossig meist ohne ausgebauten Dachstuhl, der Garten ringsum. Würden nicht einige Häuser mit neuer Fassade glänzen, könnte ich mich direkt in die DDR zurückdenken. Melancholie steigt auf.

Die Bötzower Kirche punktet mit Schlichtheit. Dass das nicht immer so war, zeigen die fragmentarischen Reste der Wandmalereien im Innern. Ein sitzender Jesus, die Insignien der Marienkrönung in Händen haltend. In der Rechten die Krone, in der Linken die Erde. Und die ist rund. Datiert werden die Zeichnungen auf das 14. Jahrhundert. Also noch vor Kolumbus. Eine kleine Sensation.

Die Kirche von Bötzow. Und schon sind wir in der Vergangenheit gelandet.
Die Kirche von Bötzow. Und schon sind wir in der Vergangenheit gelandet.
Ist nur schlecht zu sehen, aber tatsächlich hält der werte Herr auf der Zeichnung in seiner linken Hand eine runde Erdkugel. Und das noch vor der Entdeckung Amerikas...

Von Bötzow nach Linum

Den Ort verlassen wir entlang der alten Hamburger Poststraße, immer durch den Wald, mal rechts, mal links abbiegend. Schon Fontane befand sich bei seiner Wanderung durch die Mark Brandenburg auf diesem Weg. Allerdings nicht zu Fuß, sondern in einer Kutsche. Bei der Beschaffenheit der Wege muss das sogar noch etwas beschwerlicher gewesen sein, als heute. Sicher, er musste nicht laufen, wurde dafür aber ordentlich durchgerüttelt. Ein Cocktail im Shaker fühlt sich da bestimmt entspannter.

Die Kilometer ziehen gemächlich dahin, fast ohne Sehenswürdigkeit. Immer wieder Wald, Lichtungen, unbefahrene Straßen. Dann der erste Höhepunkt: Reckins Eiche. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts soll der Förster Reckin im hohlen Baume versteckt die französischen Feinde niedergeschossen haben. Lange unentdeckt flog er schließlich durch den Pulverdampf seines Gewehres doch auf und wurde an Ort und Stelle hingerichtet. Sein Grab nur 300 Meter weiter. Die alte Eiche steht allerdings nicht mehr. Sie fiel dem Bau der nahen Autobahn zum Opfer. An ihrer Stelle ein Gedenkstein und ein noch junger, in den 90er Jahren nachgepflanzter Baum. Deutsche Geschichte wiederentdeckt.

Picknick in Flatow

Nach strammen 18 Kilometern und zwei Autobahnüberquerungen später stehen wir in Flatow. Auch hier nur eine Straße, zu beiden Seiten die Häuser nebst liebevoll gepflegter Gärten. Eine Reise in die Vergangenheit. Bei einer Rast vor der Kirche lernen wir Herrn Sandow kennen. Den Schlüssel schon in der Hand haltend kommt er direkt auf uns zu, fragt gar nicht erst nach dem Grund unseres Besuchs. Die Rucksäcke verraten uns ja sowieso. Freundlich bittet er uns in die heiligen Gemäuer.

„Um 1470 etwa wurde mit dem Bau der Kirche begonnen“ weiß er zu berichten. „Aus Steinen, welche die Bauern auf den Feldern fanden ist sie erbaut.“ Daher auch der Name dieser Art von Kirche: Feldsteinkirche. Wir blicken erstaunt. Wie viel Mühe muss das gemacht haben, wie viel Zeit gekostet. Und doch robust hat sie die Jahrhunderte überdauert. Innen dagegen ist sie schlicht. In Sandtönen gehalten. „War meine Idee. Hab sie ja restauriert.“ Wie andere Kirchen der Gegend auch. Wie viele insgesamt es gewesen seien, die durch seine Hände erneuert wurden? Er weiß es nicht. „Aber so um die 16 werden es schon sein“ meint er. „Na wir hatten ja nichts in der DDR. Um an die Decke zu kommen, brauchst du ein Gerüst. Hab keins bekommen. Von Baustellen überall habe ich mir die Sachen geholt. Da, wo sie nicht mehr gebraucht wurden oder selbst gebaut. Aus Holz.“ Heute unvorstellbar. Obwohl bereits Rentner, ist er noch immer aktiv, bessert Kleinigkeiten lieber persönlich aus. „Ist sonst zu teuer und die Gemeinde zu klein.“ Ein Umstand, auf den wir unterwegs noch des Öfteren stoßen werden.

Linum – Ziel erreicht, kurz auf die Schulter geklopft und morgen geht es weiter.
Linum – Ziel erreicht, kurz auf die Schulter geklopft und morgen geht es weiter.

Wir danken ihm und ziehen weiter. Unser heutiges Ziel ist Linum, das Storchendorf, knapp 6 Kilometer entfernt. Und das trägt seinen Namen zu Recht. Auf fast jedem Giebel, jedem Mast, Schornstein, Dachfirst, ja selbst auf der Kirche ist ein Nest zu sehen. Vereinzelt sogar noch mit Störchen. Sollten die nicht schon unterwegs in den Süden sein? „Sie machen sich langsam bereit“ sagen uns Einheimische. „Die Alten sind schon fort.“ An jedem Haus, auf dem oder dessen Grundstück sich ein Nest befindet, ist angeschlagen, wie viele Jungtiere es dieses Jahr waren. Es waren nicht wenige. Selbst die Pension, in der wir die erste Nacht verbringen und die den treffenden Namen Adebar trägt, verfügt über ein Nest auf der Scheune. Wer hier nicht ruhig schläft, tut es vermutlich nirgendwo. Ein kleines Dorf, mehr Störche als Einwohner. Ein Storchendorf im wahrsten Sinne des Wortes.

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