Werben(Elbe) und die Basilika St. Johannis

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Einst Pilgerziel, einer der wichtigsten strategischen Orte direkt an der Elbe, gefeierte Stadt und heute… die wahrscheinlich kleinste Stadt der Welt. Wohlgemerkt mit Stadtrecht! Beherbergte die Stadt Werben im Mittelalter mehrere Tausend Einwohner, nahm die Zahl im vergangenen Jahrhundert rapide ab. Heute sind es noch geschätzte 900. Leer stehende Bruchbuden, zum Teil einsturzgefährdet, neben liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern säumen das Stadtbild, Dorfcharakter pur. Vom Verfall einer mittelalterlichen Metropole.

Werben war wichtig.
Als Grenzburg an einer der wichtigsten Elbüberquerungen gegründet, wurde der Ort bereits im Jahre 1005 erstmals urkundlich erwähnt. Der Handel direkt an der Elbe ermöglichte eine florierende Metropole und nur 150 Jahre später erhielt Werben das Stadtrecht. Im Jahre 1160 schenkte Albrecht der Bär, dem die Burg und das Land gehörten, diese an den Orden der Johanniter. Die fackelten nicht lange und gründeten noch an Ort und Stelle eine Komturei, welcher wenig später der Bau einer dreischiffigen Basilika im romanischen Stil folgte. Kurz nach dem Beitritt zur Hanse (1358) wurde sie vollendet und gilt somit als älteste Niederlassung des Ordens im norddeutschen Raum.

Die Stadt wuchs und wuchs, immer schön kreisförmig um die Kirche herum. Noch heute ist der mittelalterliche Stadtgrundriss als solcher zu erkennen. Erst recht wenn man in die kleinen Gässchen abzweigt, an denen die Wäscheleinen wie früher von Fenster zu Fenster gespannt sind. Nur riechen tut es mittlerweile dank Kanalisation und Hygienevorschriften wahrscheinlich besser.

Die Johanniskirche
Mit Zunahme der Bevölkerung wurde die Basilika St. Johannis natürlich zu klein und da die Kirchensteuern auch damals schon ganz gut zum Leben der Mitglieder reichten, wurde im Jahre 1414 kurzerhand mit dem Neubau einer noch größeren Kirche begonnen. Geschätzte 50 Jahre später wurde diese dann auch vollendet, was die ursprünglichen Gründer und Spender der damaligen Zeit wahrscheinlich schon gar nicht mehr erlebten. Die feierliche Eröffnung fand 1466 statt und fortan besaß Werben einen Anziehungspunkt mehr, der bis weit über die Grenzen der Stadtmauern hinaus sichtbar war.

Auch ihre Maße sind enorm, bedenkt man doch, dass es sich dabei um einen gotischen Bau handelt. Aber diese Epoche war ja schon immer für Maßlosigkeit bekannt: Das Kirchenschiff misst olympische 60 Meter in der Länge, und ist gemauerte 20 Meter hoch. Da das Kirchendach nochmals 37 Meter oben drauf setzt, kann man hier guten Gewissens behaupten, die Kirche sei so hoch wie breit. Von der Seite betrachtet und Pi mal Daumen natürlich.

Als besondere Ausstattungsmerkmale sind bis heute erhalten: der Marienaltar aus dem Jahre 1430, ein von Hermen Bonstede aus Hamburg geschaffener Messingarmleuchter aus dem Jahre 1488 und eine original Predigeruhr von 1717, passenderweise in Nähe der Kanzel (1602) angebracht. Diese schlägt, wie bei Kirchuhren üblich, alle 15 Minuten einen kleinen Gong und zur vollen Stunde viermal. Somit wusste der Pfaffe stets, welches Stündlein ihm geschlagen hat, genauso wie die Schäfchen wussten, wann die Predigt endlich ein Ende finden wird. Die Orgel aus dem Jahre 1747, eine kleine Kostbarkeit des Orgelbauers Joachim Wagner aus Berlin, ist zwar auch heute noch zu weiten Teilen original, aber leider nicht mehr bespielbar. Mit dem Wegzug der Einwohner fehlte der Kirche das Geld und so wird notdürftig über Spenden und Schenkungen das Nötigste am Leben gehalten.

Werbens Untergang
Es kam was kommen musste. Werben verlor im Zuge der Reformation, die sich erst Ende des 17. Jahrhunderts endgültig durchsetzte, an Bedeutung. Der Schutz der katholischen Kirche fiel weg, der Handel wurde in den darauffolgenden Jahrhunderten immer unbedeutender, in Folge dessen mangelte es an Arbeit und die Menschen verließen den Ort. Mit Stilllegung der Eisenbahnlinie 1971 und der Schließung der LPG nach der Wiedervereinigung Deutschlands fielen auch die letzten Arbeitgeber der Region weg. Ein paar glückliche Bauern bewirtschaften noch die umliegenden Felder, sonst darbt die einst so blühende Stadt ihrem endgültigen Ende entgegen. Die Jungen ziehen fort und versuchen ihr Glück an anderer Stelle. Ein Umstand, auf den ich schon in der Prignitz stieß.
Ein Beispiel des Verfalls: das ehemalige Schulgebäude in bester Lage des Stadtzentrums und direkt gegenüber der Kirche steht seit Jahren leer und zum Verkauf. Der obligatorische 1 Euro ist für die trostlose Zukunft noch immer zu viel, selbst geschenkt würde es wohl keiner nehmen wollen.

Schade eigentlich. Denn Werben ist ein wirklich süßes verschlafenes Städtchen, das einen Sonntagsspaziergang allemal wert ist und – da weise ich ausdrücklich darauf hin – ruhig einmal besucht werden sollte. Soviel zum Werben um Werben.

Informationen

Sven Becker
Sven Becker
In Dresden aufgewachsen, in Berlin eine neue Heimat gefunden, starte ich von hier in die Fremde. Mal mit Rucksack, mal ohne. Mal in die Berge, mal an den Strand. Aber immer mit offenen Augen. Denn Abenteuer gibt es an jeder Ecke...

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