Sieben Seen Weg – Julische Alpen – Tag 2

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Mitten in der Nacht werden wir wach. Klammheimlich hat es wieder begonnen zu regnen und sich mittlerweile zu einem dauerhaften Guss gemausert. Denken wir noch, unter dem Blätterdach sind wir halbwegs sicher, werden wir wenige Minuten später eines Besseren belehrt. Zwar schützt der Baum vor dem Wasser von oben, aber die umliegenden Hänge der Berge sorgen für einen immer stetigeren Fluss. Über die Stunden der Nacht mutiert dieser demzufolge zu einem regelrechten Bach. Und wir campen genau in seiner Mitte. Nach einem kurzen Anflug von Panik, in welchem wir davon schwimmende Sachen wie Kocher, Schuhe und Lebensmittel wieder einsammeln, beschließen wir jedoch den Dingen ihren Lauf zu lassen und noch etwas zu schlafen. Ändern können wir ja nun sowieso nichts mehr und im Dunkeln bei anhaltendem Dauerregen das Zelt umzusetzen, erscheint uns auch nicht sinnvoll. Ausgeschlafen geht man Probleme noch immer am besten an.

Da schien sie noch, die Sonne...
Da schien sie noch, die Sonne…

Aufstieg an der Komarca-Steilwand

Der nächste Morgen begrüßt uns zwar mit Sonnenschein, doch die herannahenden Wolken verkünden nichts Gutes. Als stünde diese Wanderung unter einem schlechten Stern. Da wir fast die ganze Nacht mit halbwachem Auge auf unseren Sachen schliefen, sind wir auch dementsprechend gelaunt. Aus dieser Laune heraus, und ich betone hier ausdrücklich nur aus dieser Laune heraus, beschließen wir die Zeche zu prellen und verschwinden ohne zu bezahlen von dem ansonsten recht lieblichen, direkt am See und dank des Regens nun auch an mehreren Bächen gelegenen Zeltplatz.

Die umliegenden Berge der Julischen Alpen.
Die umliegenden Berge der Julischen Alpen.

Das Auto lassen wir an der Savici-Hütte stehen und begeben uns mit jeweils 14kg Gepäck in Richtung Komarca-Steilwand. Und die hat es ganz schön in sich. Stunde um Stunde quälen wir uns den Berg hinauf. In voller Vorfreude auf die beginnende Wanderung gebe ich mich einmal mehr zu schnell dem Gefühl der raschen Besteigung hin und unterschätze unsere Gehgeschwindigkeit. Völlig ungeübt, mit viel zu viel Gewicht auf dem Rücken sind wir nach den ersten 5 Kilometern schon dermaßen aus der Puste, dass ich befürchte, die nächsten 13 km nicht mehr zu schaffen. Zu allem Überfluss ist die Sonne jetzt auch noch völlig hinter Nebel und dichten Wolken verschwunden, so dass wir in den Pausen schnell zu frieren beginnen. Die sommerlichen Temperaturen im Tal weichen hier auf 1300 Höhenmetern nur noch einstelligen Werten.

Schon idyllisch gelegen das alles. Aber kalt wars. Verdammt kalt.
Schon idyllisch gelegen das alles. Aber kalt wars. Verdammt kalt.

Um dem nahenden Erfrierungstod zu begegnen, beschließe ich die geschaffte Besteigung der Steilwand mit einem zünftigen Tee zu feiern. Nach nur 5 Stunden haben wir es geschafft und das ist doch einen echten Earl Grey wert. Ich packe den Kocher aus, das Wasser, den Tee. „Reich‘ mir doch mal bitte das Feuer“, bitte ich meinen Bruder um Mithilfe. Der schaut mich jedoch erschrocken an und meint, er denke, die Streichhölzer habe ich. Da ich diese Spielchen schon seit Anbeginn unserer Kindheit kenne, lächle ich und bitte ihn erneut, mir die Zündhölzer zu reichen. Doch, und da haben wir wohl klassisch aneinander vorbei erwartet, er besitzt sie genauso wenig wie ich. Das ist jetzt nicht der Ernst! Wir wollen 4 Tage unterwegs sein, müssen uns aufgrund der noch geschlossenen Hütten komplett selbst verpflegen und haben kein Feuer? Keine warmen Speisen? Nicht einmal ein morgendlicher Tee zum wach werden? Wütend packe ich die Sachen wieder ein, schultere meinen Rucksack und gehe frustriert weiter. Zur Umkehr habe ich keine Lust, hieße das nämlich entweder heute nochmal die Steilwand wieder rauf oder die Tour abbrechen müssen. Also nach vorn geschaut und darauf gebaut, dass uns schon irgendeine Lösung einfällt.

An dieser Stelle, bei genau diesem Wetter erfahre ich, dass wir gar kein Feuer dabei haben. Hat sich irgendwie eingeprägt.
An dieser Stelle, bei genau diesem Wetter erfahre ich, dass wir gar kein Feuer dabei haben. Hat sich irgendwie eingeprägt.
Ein kurzes Lächeln für die Kamera, danach schmolle ich weiter.
Ein kurzes Lächeln für die Kamera, danach schmolle ich weiter.
Da gehe ich frustriert vorne weg. Auch wenn ich nicht so ausschaut, ich überlege wie wir Feuer machen können. So ganz steinzeitlich.
Da gehe ich frustriert vorne weg. Auch wenn ich nicht so ausschaut, ich überlege wie wir Feuer machen können. So ganz steinzeitlich.

Sicher, das Wetter ist mit knapp 4 Grad nicht gerade sommerlich, die Wege sind aufgrund der Schneefelder stellenweise unpassierbar, es regnet andauernd und meine Laune schwankt irgendwo zwischen Keller und Tiefpunkt, aber: wir haben endlich Feuer!

Die Triglavskjh-Hütte an einem der Sieben Seen gelegen.
Die Triglavskjh-Hütte an einem der Sieben Seen gelegen.

(Fast) still & verlassen: die Triglavskjh-Hütte

Mittlerweile hat es einmal mehr begonnen zu regnen. Zu allem Überfluss ist der Sommer auf dieser Höhe, inzwischen haben wir uns auf 1700 Höhenmeter hinauf gekämpft, noch nicht wirklich angekommen. Immer wieder müssen wir leichte Schneefelder queren, die noch nicht von den wärmenden Strahlen zum Schmelzen gebracht wurden. Und dann, viel zu spät am Abend, erreichen wir endlich unser Tagesziel: die Triglavskjh-Hütte. Zwischen den Hängen direkt an einem der Sieben-Seen gelegen empfängt sie uns majestätisch und… na gibt’s denn sowas. Den ganzen Tag keine Menschenseele getroffen und nun gleich eine ganze Familie. Eine slowenische noch dazu. Wie sich herausstellt handelt es sich dabei um den Hüttenwirt, der zufälligerweise gerade an diesem Tag die winterlichen Schäden der Hütte untersucht und morgen schon wieder verschwunden sein wird. Denn der eigentliche Saisonstart ist ja erst in 4 Wochen. Und ja, er hat Feuer! Sicher, das Wetter ist mit knapp 4 Grad nicht gerade sommerlich, die Wege sind aufgrund der Schneefelder stellenweise unpassierbar, es regnet andauernd und meine Laune schwankt irgendwo zwischen Keller und Tiefpunkt, aber: wir haben endlich Feuer! Ein Dank an unseren Retter.

Warten auf Godot ... nee ... auf Feuer. Trotz Nicht-Beiwrtschaftung der Hütte hatte der Hüttenwirt ein Feuerzeug für uns und wir damit warmes Essen. Hab ich heute noch das Teil.
Warten auf Godot … nee … auf Feuer. Trotz Nicht-Beiwrtschaftung der Hütte hatte der Hüttenwirt ein Feuerzeug für uns und wir damit warmes Essen. Hab ich heute noch das Teil.

So steht dem abendlichen Tee und einem wärmendem Mahl nun nichts mehr im Wege und ein paar Spaghetti später liegen wir in unseren Schlafsäcken und freuen uns auf das morgige Abenteuer. Wenn das allerdings so weiter geht, brauche ich danach unbedingt Urlaub.

Im Übrigen: das orangefarbene Feuerzeug mit dem Schriftzug eines slowenischen Billigpuffs besitze ich immer noch.

Da haben wir geschlafen. Platz für 12 Wanderer war im Winterlager der Triglavskjh-Hütte und wir dennoch nur allein.
Da haben wir geschlafen. Platz für 12 Wanderer war im Winterlager der Triglavskjh-Hütte und wir dennoch nur allein.

Alle Artikel der Wanderung durchs Sieben-Seen-Tal in den Julischen Alpen:
Sieben Seen Weg, Tag 1
Sieben Seen Weg, Tag 2
Sieben Seen Weg, Tag 3
Sieben Seen Weg, Tag 4
Sieben Seen Weg, Tag 5

Geschrieben von

Sven Becker

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