Schleching im Achental – #RoadToAlps

weiterlesen

Der Tiroler Achen trägt viele Namen und ist dennoch ein typischer Alpenfluss. In das Achental gegraben bildet er in Schleching den Ausgangspunkt meiner ganz persönlichen „Road To Alps“, meiner diesjährigen Reise in die Alpen.
Morgens hängen die Wolken noch in den Bergen fest.
Morgens hängen die Wolken noch in den Bergen fest.

Schleching / Chiemgauer Alpen

Meine Ankunft in den Chiemgauer Alpen tut sich schwer. Erst spät abends erreiche ich nach 9 Stunden Autofahrt und diversen Staus auf der A9 meine Unterkunft in Schleching. Während umliegende Hotels oder Pensionen bereits Saisonschluss haben, damit gänzlich geschlossen sind, finde ich letztlich im Landgasthof „Zur Post“ doch noch ein kleines aber gemütliches Zimmer. Im Gegensatz dazu gestaltet sich die Suche nach einem Restaurant dafür sehr einfach: in Schleching hat nämlich nur noch eins offen. Ähnlich wie das Hotel ist auch die Gaststätte Geigelstein zünftig, urig und damit genau das, was ich erhofft habe. Manchmal kann es dann doch so einfach sein.

Da es bereits Mitte Oktober ist und somit beizeiten dunkel, beschränkt sich mein Sightseeing des ersten Tages auf die direkt neben dem Hotel gelegene Kirche. Dort ist die Küsterin gerade dabei, Licht zu löschen und abzuschließen. Nur kurz kommen wir ins Gespräch, ihre Zeit scheint knapp bemessen. Der heute genutzte Bau, 1735 nach Abriss der vorigen Pfarrkirche auf gleichem Platz errichtet, weiß mit schlichtem Prunk zu überzeugen. Schlicht aus dem Grunde, da sich der Protz für eine katholische Kirche recht angenehm zurückhält. Prunk, weil es dann doch recht viel Gold ist, was hier glänzt. Erste Erwähnungen einer Kirche in Schleching reichen weit ins 9. Jahrhundert zurück, was mich bei der Dominanz der umliegenden Berge auch nicht wundert. Einschüchternd und besorgniserregend überragen sie das Tal. Gut, wer da Zuflucht im Glauben finden kann.

Abschließend gibt sie mir noch einen Tipp. Nicht der Geigelstein, höchster Berg der Chiemgauer Alpen, sollte mein Ziel sein, vielmehr lohne sich die Kampenwand. Den Blick vom dortigen Gipfel macht sie mir mit „atemberaubend“ und „sehenswert“ schmackhaft. Kann man, bzw. darf man auf Wanderung in den Chiemgauer Alpen sein, ohne den höchsten Berg des Gebirges bestiegen zu haben? „Man muss sogar!“ lacht sie. „Es lohnt sich wirklich.“ Ich verabschiede mich und überdenke ihren Vorschlag.

Hochplatte und Kampenwand – zwei Gipfel dominieren das Tal des Tiroler Achen.
Hochplatte und Kampenwand – zwei Gipfel dominieren das Tal des Tiroler Achen.

Entdeckungen im Achental

Der nächste Morgen lockt mich beizeiten mit Sonne und milden Temperaturen aus den Federn. Auch wenn der Nebel noch tief in den Bergen hängt verspricht es ein goldener Herbsttag zu werden. Wie scheinbar so viele in diesem Oktober des Jahres 2018, der nachträglich zu den wärmsten und sonnigsten seit Wetteraufzeichnung zählen wird. Grund genug für mich, das Achental rund um Schleching ein wenig zu erkunden. Auf Anraten meiner Gastwirtin lasse ich das Auto auf dem Hotelparkplatz stehen und mache mich auf den Weg in Richtung Fluß.

Diesem bis zur nächsten Brücke folgend erhasche ich einen bezaubernden Blick auf das kleine Dorf, dass sich seit Juli 2017 stolz Bergsteigerdorf nennen darf. Aber was macht einen Ort wie diesen eigentlich zum Bergsteigerdorf? Fündig werde ich auf einem Infoblatt, das in der Touristeninformation von Schleching ausliegt. Darin erfahre ich, dass die Alpenvereine Deutschlands, Österreichs und Italiens diese Auszeichnung ins Leben gerufen haben, um damit nachhaltigen Tourismus zu fördern. Ökologisch traditionelle Landwirtschaft, naturverträglicher Fremdenverkehr und der Erhalt von Natur- und Kulturlandschaften stehen dabei verstärkt im Mittelpunkt. In Zeiten, in denen mancherorts auf alpinen Massentourismus gesetzt wird, ist das äußerst sympathisch und eine höchst notwendige Botschaft.

Den Tiroler Achen überquerend führt der Weg hinter Wagrain fortan steil in die Berge. Von hier sind es nur noch zwei Kilometer und gut 300 Höhenmeter bis zum Aussichtspunkt. Etwas unterhalb befindet sich eine kleine Kirche, die schon von Weitem hoch über der Landschaft thront. Da meine Mutter mir offenbar ihr Faible für Gotteshäuser vererbt hat, nehme ich mir die Zeit und besichtige sie.

Genauso alt wie hoch gelegen: die 800 Jahre junge Streichenkirche St. Servatius.
Genauso alt wie hoch gelegen: die 800 Jahre junge Streichenkirche St. Servatius.
2011 umfassend restauriert schaut sie aus, als könnte sie mal einen neuen Anstrich vertragen. Kinder, die Zeit rennt aber auch...
2011 umfassend restauriert schaut sie aus, als könnte sie mal einen neuen Anstrich vertragen. Kinder, die Zeit rennt aber auch…

Fresken und Wandmalereien sind zum Teil über 500 Jahre alt und wurden im Zuge der letzten Renovierung wieder zu neuem Leben erweckt.
Fresken und Wandmalereien sind zum Teil über 500 Jahre alt und wurden im Zuge der letzten Renovierung wieder zu neuem Leben erweckt.

Die Schlichtheit des Inneren von St. Servatius – so ihr Name – nimmt mich sofort gefangen. Vermutungen legen zwar nahe, dass bereits im 13. Jahrhundert an dieser Stelle eine Kapelle vorzufinden gewesen sein muss. Das Langhaus von St. Servatius jedoch wurde erst 1450 errichtet. Die bei Renovierungsarbeiten gefundenen Fresken lassen das zumindest vermuten. Später hervorgebrachte Wandmalereien sind auf eine Zeit um 1510 datiert und dürften somit eine der wenigen, heute noch erhaltenen ihrer Art sein.

Die angenehme Kühle des Raums und die abgeschiedene Ruhe nehmen mich unwillkürlich gefangen. Ich setze mich, nehme mir die Zeit und lasse mich in diese Stille fallen. Eine angenehme und tiefe Leere breitet sich in mir aus. Erst als das Schloss der Tür lautstark geöffnet wird, werde ich aus meiner Ruhe gerissen. Zwei ältere Damen, vermutlich aus der Gegend, betreten ehrfürchtig die kleine Kirche. Mit kleinen Blumensträußen in der Hand sind auch sie scheinbar augenblicklich von der Erhabenheit ergriffen. Sie bemerken mich kaum. Kurz überlege ich, ob ich auf mich aufmerksam machen soll, lasse es dann aber doch bleiben. Ihr Ansinnen scheint aufrichtigerer Natur zu sein, als mein Wunsch nach Einsamkeit. Ich überlasse ihnen den Ort und beginne meinen Rückweg.

Der Tiroler Achen trägt viele Namen. Dennoch mündet der Fluss bereits nach 79 Kilometern in den Chiemsee.
Der Tiroler Achen trägt viele Namen. Dennoch mündet der Fluss bereits nach 79 Kilometern in den Chiemsee.

Zur Burg Marquartstein

Da es noch früher Nachmittag ist beschließe ich mir ein weiteres Highlight im Achental anzusehen. In Marquartstein ist mir bereits auf der Herfahrt eine Burg aufgefallen, die hoch über dem Fluß thront und weithin sichtbar ist. Von der Ortsmitte aus gibt es einen kleinen Rundwanderweg, der mit gut 4 Kilometern genau richtig für einen nachmittäglichen Spaziergang ist und einmal um den ganzen Burgberg herum führt.

Allerdings sollte man nicht zu viel erwarten. Denn die Burg, die so stolz und mächtig auf dem Berg über dem Tiroler Achen thront, ist in Privatbesitz und damit leider nicht zu besichtigen. Nicht einmal ein kleiner Hinweis auf die Geschichte lässt sich vor Ort finden. Stattdessen Schilder die sehr deutlich nahelegen, dass man sich auf Privatgelände befindet. Nichtsdestotrotz: diese kleine Wanderung lohnt sich. Die umgebenden Wälder sind in schönste Herbstfarben getaucht und der Ausblick auf das Achental bis nach Schleching und hinauf auf die Berge bis zum Geigelstein sind schon sehr beeindruckend. Manchmal lohnen sich eben auch die kleinen Wege. Und am meisten die ohne wirkliches Ziel.

Wer ins Schlechinger Tal in den Chiemgauer Alpen einbiegt, der kommt unweigerlich an der Burg Marquartstein vorbei. Hoch über dem Tiroler Achen thront sie und ist nach wie vor in Privatbesitz.
Wer ins Schlechinger Tal in den Chiemgauer Alpen einbiegt, der kommt unweigerlich an der Burg Marquartstein vorbei. Hoch über dem Tiroler Achen thront sie und ist nach wie vor in Privatbesitz.
Der Tiroler Achen nahe Schleching
Der Tiroler Achen nahe Schleching

Geschrieben von

Sven Becker

SHARE

Facebook
Google+
Twitter
Pinterest
Email
WhatsApp

Weiterlesen

Weitere Berichte