Aus breitem Becken entspringt ein Fluß – Unstrut 1/4

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Zwar nicht an der Quelle aber dafür in Artern beginnt meine Wanderung entlang der Unstrut. Sonnige Abschnitte begleiten den Weg und lassen den Herbst golden leuchten. Entlang der Unstrut durch das Saale-Unstrut-Triasland - 1.

Zwar nicht an der Quelle aber dafür in Artern beginnt meine Wanderung entlang der Unstrut. Sonnige Abschnitte begleiten den Weg und lassen den Herbst golden leuchten.

75 Kilometer in vier Tagen – Quer durch das Saale-Unstrut-Triasland. | © 2017 Sven Becker, dotsperinch.eu
75 Kilometer in vier Tagen – Quer durch das Saale-Unstrut-Triasland. | © 2017 Sven Becker, dotsperinch.eu

Das Unberechenbare an einer Anreise ist stets die Verlässlichkeit anderer. Dem Ruf gerecht werdend gibt sich die Deutsche Bahn alle Mühe meinen Start ins Saale-Unstrut-Triasland erfolgreich hinauszuzögern. Durch eine Verspätung von nur 15 Minuten verpasse ich meinen Anschlusszug und bin gezwungen auf einem kleinen Bahnhof im Nirgendwo – bestehend aus zwei Gleisen, vier Anzeigetafeln und einem leerstehenden Gebäude – reichlich zwei Stunden auf den nächsten Zug warten zu müssen. Da die Sonne scheint und meine kleine Reisegruppe (einmal mehr meine guten Freunde Daniel, Bert, Ines samt Hündin Xsandra und ich) keine Lust auf triste Ödnis haben, verkürze ich uns die Wartezeit und erkunden wir gemeinsam die Innenstadt dieser einstigen Chemie-Hochburg der DDR.

Die Ufer haben die Unstrut fest im Griff, gleicht sie doch anfänglich mehr einem Kanal als einem Fluss.
Die Ufer haben die Unstrut fest im Griff, gleicht sie doch anfänglich mehr einem Kanal als einem Fluss.

Startschwierigkeiten in Bitterfeld-Wolfen

Entlang der kaum befahrenen Hauptstraße laufen wir an zum Teil verlassenen, zum Teil neu renovierten Gebäuden vorbei. Deren niedrige Bauweise versprüht dörflichen Charakter. Dass Bitterfeld im Kampf gegen das SED-Regime schon frühzeitig mehr Menschen mobilisieren konnte, als es Einwohner hat – davon ist heute nichts mehr zu spüren. Verlassen und irgendwie auch unheimlich wirken die Gebäude und Geschäfte, die jetzt zur Mittagszeit größtenteils geschlossen sind. Außer der Fachfrau vom Lotto-Laden. Diese sitzt rauchend im Schatten ihrer Markise und lächelt müde als sie uns sieht. Wir sind die einzigen auf der Straße. Das dafür ganz stilecht in voller Wandermontur.

Der Park im Zentrum der Stadt wirkt zwar einladend, doch auch er versprüht den Charme eines verlassenen Liebhabers, der goldenen Zeiten und großer Wichtigkeit nachtrauert. Laut krakelend kündigt sich ein Radfahrer schon von Weitem an, dessen Smartphone auf voller Lautstärke für einen kurzen Moment Irritation in die Stille dieser Bedeutungslosigkeit schreit. Ein Wimpernschlag nur, dann ist er auch schon wieder vorbei. Zwei Kinder toben auf einem Spielplatz, an Fahnen und Plakaten lobt die AfD neue Heimathymnen aus. Höchstrekorde fuhr sie bei der letzten Wahl hier ein. Zum Brüllen komisch: erst begehrt der Bitterfelder zahlreich gegen das kommunistische Regime auf, jetzt wird in Masse gegen die kapitalistische Regierung gewählt. In Summe und geschichtlich betrachtet scheint er stets – egal wogegen – hauptsächlich anti zu sein.

Vorläufig immer entlang des Fahrradwegs direkt an den Ufern der Unstrut
Vorläufig immer entlang des Fahrradwegs direkt an den Ufern der Unstrut

Die stillen und lauten Wasser der Unstrut

Mit über drei Stunden Verspätung kommen wir an diesem herrlichen Herbsttag doch noch am Ausgangsort unser viertägigen Wanderung entlang der Unstrut an: Artern. Ein Name, der nach Aufbruch und Genese klingt, ein Beginn erst am Ende des Tages. Mittlerweile ist es Nachmittag und die Sonne steht bereits tief. 15 Kilometer Strecke haben wir noch vor uns. Zum Glück ist es warm und wir sind froh, das Kuriosum Anreise endlich hinter uns gelassen zu haben.

Vom Bahnhof links, einmal quer über die Straße, am Ortsschild den Abhang hinab führt uns der Weg wenig später ins Grün und an die Wasser der Unstrut. Hier sehen wir zum ersten Mal, was uns die nächsten vier Tage fast freundschaftlich begleiten wird: ein Fluss, kaum breiter als eine Dorfstraße.

Über die Brücke der bereits tief stehenden Sonne entgegen starten meine Freunde und ich unsere Wanderung entlang der Unstrut in Artern.
Über die Brücke der bereits tief stehenden Sonne entgegen starten meine Freunde und ich unsere Wanderung entlang der Unstrut in Artern.

Über die Eisenbahnbrücke, auf der wir den Regionalexpress, mit dem wir kamen, in südliche Richtung verschwinden sehen, laufen wir aufs andere Ufer und beginnen unsere Wanderung einmal mehr auf einem Radweg. Asphalt unter den Füßen klingt zwar nach gemütlichem und schnellem Marsch, kann aber bei unpassendem Schuhwerk nach wenigen Kilometern ganz schön unter den Füßen brennen. Da ich meine Touren im Vorfeld außer Start- und Zielpunkt kaum plane, bin ich etwas enttäuscht, dass es mal wieder nur ein Fahrradstreifen ist, der mittels Wegmarkierung gleichzeitig auch zur Wanderstrecke erhoben wird. Ich verstehe, dass aus Geld- und Personalknappheit an genau solchen Ausgaben gespart werden muss, gebe aber immer wieder zu Bedenken, dass Fahrradfahrer und Wanderer jeweils sehr unterschiedliches Terrain bevorzugen.

Ritteburg und die Wasser der Unstrut

Nichtsdestotrotz verströmen Wiesen und Fluss spätherbstliches Flair, welches ich mit aller Kraft in meine Lungen sauge. Endlich wieder unterwegs zu sein ist der größte Gefallen, den ich mir machen kann. Den Rucksack auf dem Rücken und die Kraft der eigenen Beine spürend, braucht es nur wenige Kilometer bis ich wieder in meinen meditativen Schritt falle und die Last des Büroalltags von mir abstreifen kann. Auch die Gespräche mit meinen Freunden, die mich nun schon über einen langen Zeitraum begleiten, tragen zum allgemeinen Wohlbefinden bei.

Eine kurze Rast nur. Dann heißt es Bauch einziehen und weitergehen. Noch ist das Tagesziel nicht erreicht…
Eine kurze Rast nur. Dann heißt es Bauch einziehen und weitergehen. Noch ist das Tagesziel nicht erreicht…

Bei Ritteburg machen wir dann endlich Rast. Von einstmals zwölf Schleusen an der Unstrut gibt es hier bei Kilometer 58 noch eine der wenigen, die restauriert und damit vollkommen intakt, vor allem aber handbetrieben sind. Wurden sie vor Jahrhunderten zum Schutz gegen mögliche Hochwasser gebaut, sorgen sie heute noch immer für die nötige Sicherheit. Die weiten Wiesen entlang des Flusses fangen das Wasser ab, das im weiteren Verlauf nur Verwüstung und Überschwemmung bedeuten würde. Wir verweilen für einen Moment und schauen dem tosenden Wasser zu, das sich in den Unterlauf der Schleuse ergießt, nur um kurz darauf wieder im gemächlichen Tempo des Flusses weiterzutreiben.

Erst am südlichen später am nördlichen Ufer wandert es sich gemütlich in den Sonnenuntergang.
Erst am südlichen später am nördlichen Ufer wandert es sich gemütlich in den Sonnenuntergang.

Abendrot, schlecht Wetter droht

Da die Sonne sich mittlerweile anschickt, langsam hinter dem Horizont zu versinken, ziehe ich bei aller Gemütlichkeit das Tempo etwas an. Vorbei an Feldern auf denen Kühe die letzten warmen Momente des Jahres genießen, an Heuballen die hoch gestapelt Katzen zum Jagen dienen, wandern wir bei einer frischen Brise und blutrotem Himmel in Richtung Roßleben, in Richtung Tagesziel.

Das leise Plätschern der Unstrut ist ein steter, beruhigender Begleiter auf diesem Weg.
Das leise Plätschern der Unstrut ist ein steter, beruhigender Begleiter auf diesem Weg.

Aus Halblicht werden lange Schatten, aus Tageslicht Dämmerung. Es ist bereits dunkel, als wir die Brücke über die Unstrut und damit den Ortseingang von Roßleben queren. Der Ort empfängt uns mit Stille und Einsamkeit. Nur vereinzelt erstrahlt ein Fenster im hellsten Licht. Vorbei an der Klosterschule müssen wir durch den ganzen Ort. Die Pension am Weinberg ist unser heutiges Ziel, eine privat geführte Unterkunft mit liebevollem Charme direkt am Berghang gelegen. Übermüdet und erschöpft begeben wir uns beizeiten zu Bett, nicht ohne aber vorher noch beim Italiener in der Ortsmitte den ersten hiesigen Wein probiert zu haben. Und der hat es ganz schön in sich, der Silvaner vom Weingut Bobbe, dessen 12 % den Heimweg ans nördliche Ende Roßlebens und damit zurück in die Pension zu einem rauschenden Erlebnis werden lassen…

Wer spät startet kommt meist erst spät an
Wer spät startet kommt meist erst spät an

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