Winterwandern im Riesengebirge

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Gibt es eigentlich eine Steigerungsform von Winter? Denn das, was das Riesengebirge in dieser Jahreszeit zu zeigen vermag, kann zuweilen als sehr unwirtlich empfunden werden. Winterwandern im Krkonoše.
Wenn der Schnee schmilzt schwellen kleine Bäche gern mal zu tiefen Flüssen an.
Wenn der Schnee schmilzt schwellen kleine Bäche gern mal zu tiefen Flüssen an.

Ankunft im Riesengebirge mit Hindernissen

Das Nachbarland Polen begrüßt mich mit Regen und einer Straße, gegen die Kopfsteinpflaster eine Wohltat ist. Diesen Flickenteppich für den Verkehr offen zu halten, kann nur rein wirtschaftliche Gründe haben. Menschliche sind es sicher nicht. So ungefähr, wie ich auf dem Weg nach Jelenia Góra im Auto durchgeschüttelt werde, muss sich ein Eiswürfel anfühlen, der im Mixer gerade für einen Cocktail vorbereitet wird. Gehirnerschütterung inklusive. Das ist definitiv keine Europastraße, auch wenn sie deren Bezeichnung trägt, das ist eine Zumutung. Nach fünfzig Kilometern ist der Spuk endlich vorbei. Die Straßen werden fortan besser. Das Wetter leider nicht.

Ein ganzes Stück weiter hilft der Regen jedoch enorm, denn in Pasiecznik brennt es lichterloh. Schon von Weitem lodern die Flammen meterhoch in den nachtschwarzen Himmel. Ein alter Heuschober brennt und alle aus dem Dorf sind bereits vor Ort: Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei. Emsig und mit sicheren Handgriffen sind sie dabei, das Feuer zu löschen. Unterstützt werden sie von Schaulustigen, die neugierig herum- meist aber im Wege stehen. Hüben wie drüben das gleiche Bild: auch unsere Nachbarn scheinen von neugieriger Natur zu sein. Ein freundlicher Polizeibeamter hilft mir, zeigt auf einer Karte einen Umweg und schickt mich erst einmal auf Forstwegen tief in den Wald. Im Lichtkegel der Scheinwerfer durchfahre ich unbekanntes Terrain, der Rest ist stockfinstere Nacht. Mir wird mulmig dabei und ich frage mich, ob ich je wieder auf Zivilisation stoßen oder der Weg einfach hier enden wird. Tatsächlich gelange ich zehn Kilometer später auf eine geteerte Landstraße, die mich weiter in Richtung Ziel führt.

Als ich endlich mitten in der Nacht in Karpacz ankomme muss ich das Hotel ein wenig suchen. Abseits an einem kleinen Bach gelegen scheint es zwar etwas in die Jahre gekommen, ist aber von einer liebevollen Patina geprägt. Ich checke ein und gehe beizeiten zu Bett. Nur die stürmischen Winde rütteln an den Fenstern und sorgen für eine erste unruhige Nacht.

Am Dziki Wodospad, dem wilden Wasserfall im polnischen Riesengebirge
Am Dziki Wodospad, dem wilden Wasserfall im polnischen Riesengebirge

Start in den neuen Tag

An die Glasscheiben des Wintergartens, in dem sich der Frühstücksraum des Hotels Nowa Ski Spa befindet, schlagen abwechselnd eisige Regentropfen und wärmende Sonnenstrahlen. Der Wind, der sich über Nacht zu einem Orkan der Stärke 8 ausgeweitet hat, treibt dichte Wolken vor sich her. Oberhalb der Baumgrenze jedoch glitzert weißer Schnee und lässt mich wehmütig hinaufschauen. Auch wenn es stürmt und das Wetter alles andere als einladend wirkt, habe ich große Lust, endlich Schnee unter den Füßen knirschen zu hören.

Wanderung im Krkonoše, dem Nationalpark Riesengebirge

Um in den Nationalpark des polnischen Riesengebirges zu gelangen, benötigt man ein Ticket, welches umgerechnet knapp 2 Euro kostet. Das klingt erst einmal viel, dient aber vornehmlich der Erhaltung der Wege. Alljährlich leiden diese unter der Schneeschmelze, werden stark unterspült und müssen zum Teil fast jedes Jahr neu angelegt werden.

Vom ersten Abschnitt der Tour geht es gleich steil bergauf. Mühsam kämpfe ich mich die Höhenmeter hinauf, die Wege sind eisig und glatt. Auch die Sonne, mittlerweile komplett hinter dichtgrauen Wolken verschwunden, wärmt nicht mehr. Kalte Winde ziehen durch die kahlen Bäume des Waldes. Geschätzte zwei Grad über Null bin ich froh, warm eingepackt zu sein. Zu allem Übel beginnt es wenig später auch noch Eis zu regnen. Schnee wäre mir zwar irgendwie lieber, aber hey! Es ist Winter! Ich bin dankbar, überhaupt welchen sehen zu dürfen. In Berlin blieb er dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge komplett aus.

Im Sommer gut zu erkennen zeigt sich der Weg am Biały Jar im Winter unter Schnee versteckt
Im Sommer gut zu erkennen zeigt sich der Weg am Biały Jar im Winter unter Schnee versteckt
Wie ein gestrandetes Raumschiff ruht die Bergbaude auf dem Gipfel der Schneekoppe in 1.600 Höhenmetern.
Wie ein gestrandetes Raumschiff ruht die Bergbaude auf dem Gipfel der Schneekoppe in 1.600 Höhenmetern.

Gefahr oberhalb der Baumgrenze

Auf 1.200 Höhenmetern dann der Wegweiser nach rechts zur Hampelbaude (Schr. Strzecha Akademicka). Direkt daneben ein weiteres Schild: „Trail closed! Uwaga Lawiny – Lawinengefahr“. Abenteuerlustig aber leichtsinnig ignoriere ich das Schild und mache mich auf den Weg. Der allerdings liegt unter all dem Schnee begraben, ist nicht zu erkennen. Es braucht genau drei Mal, die ich im Tiefschnee einbreche, um mir die Lust aufs Weiterwandern zu nehmen. Das letzte Mal so tief, dass ich bis zum Brustkorb darin versinke und mich nur mit Mühe wieder hervor kämpfen kann. Schweren Herzens kehre ich um, viel zu hoch ist der vergehende Winter gewachsen.

Auf dem Rückweg kommt mir ein junges Paar entgegen. Er spricht mich auf Polnisch an. Auf Englisch mache ich ihm verständlich, dass ich seine Sprache weder spreche noch verstehe. Vermutlich hört er meinen deutschen Akzent und wir kommen in meiner Muttersprache – auf deutsch – dann doch noch ins Gespräch. Ob der Weg so weitergeht, so glatt und eisig wie er gerade verläuft, fragt er mich. Ich lache und sage: „Nein. Er wird noch schlimmer.“ So recht mag er mir nicht glauben. Beide versuchen es weiter bergauf.

Entspannung am Abend

Zurück im Hotel, genieße ich die gebotenen Annehmlichkeiten, wärme mich bei Sauna und Tee wieder auf. Das Ringen gegen Wind und Regen auf spiegelglatten Wegen ohne Steigeisen hat mich letztlich doch mehr Kraft gekostet als gedacht. Was musste ich auch meine erste Tour des neuen Wanderjahres ausgerechnet in die alpine Bergwelt verlegen. Immerhin: ich bin um eine Erfahrung reicher.

Informationen

Sven Becker
Sven Becker
In Dresden aufgewachsen, in Berlin eine neue Heimat gefunden, starte ich von hier in die Fremde. Mal mit Rucksack, mal ohne. Mal in die Berge, mal an den Strand. Aber immer mit offenen Augen. Denn Abenteuer gibt es an jeder Ecke...

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