Auf dem Rennsteig – Tag 5

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Auf dem letzten Tag meiner Wanderung entlang des Rennsteigs im Thüringer Wald führt mich die heutige Etappe bis nach Eisenach, hinauf auf die Wartburg und letztlich ins Herz Luthers. Denn in dem mittelalterlichen Gemäuer wurde Großes von ihm vollbracht.

Dank moderner Medizin und einer ausgezeichnet verbrachten Nacht am Rennsteig waren meine Schmerzen im Knie fast gänzlich verschwunden. Daniel und ich freuten uns regelrecht auf die abschließende Etappe. Schon über Nacht mußte es wohl geregnet haben, da die Wege feucht und mit Pfützen übersät waren. Trotzdem brachen wir nach einem reichhaltigen Frühstück in der Jugendherberge auf und stemmten uns mit aller Willenskraft in den nicht enden wollenden Regen, der erst gegen Mittag der Sonne wich. Das muß man dem Kammweg schon lassen: Hier wechselt das Wetter häufiger, wie manch anderer seine Unterhosen.

Guten Morgen
Nachdem es die ganze Nacht bereits durchgeregnet hatte, erwarteten uns am Morgen immer noch tief hängende Wolken, die jede Menge Nass mit sich führten. Der medizinische Fachbegriff für den Zustand des Himmels wäre da wohl: inkontinent.

Vom Großen Inselsberg nach Eisenach.

Da es fast nur noch bergab ging, kam es uns nicht allzu lange vor, bis wir am Abzweig der Hohen Sonne ankamen. Bevor wir den Rennsteig nun endgültig verließen, gönnten wir uns noch Kuchen und Kaffee im gleichnamigen Gasthaus und machten uns nach dieser letzten Rast durch die Drachenschlucht in Richtung Eisenach auf. Wer die Sächsische Schweiz kennt, wird sich hier an das Elbsandsteingebirge erinnert fühlen. Bizarre Sandsteinfelsen, die für diese Region absolut untypisch sind, säumten den Weg und verbreiteten dank des dahin plätschernden Baches eine angenehme Kühle.

Mittlerweile sind wir trotz Regenkleidung durchnäßt und die Schuhe quietschen beim Laufen. Naturgenuss klingt anders.

Gewitter
Bedrohlich schieben sich die Gewitterwolken an uns vorbei. Aber was solls. Mittlerweile sind wir trotz Regenkleidung durchnäßt und die Schuhe quietschen beim Laufen. Naturgenuss klingt anders.

Gut ausgeschildert erreichten wir wenig später die Wartburg und stellten fest, dass dies wohl eine der beeindruckendsten Wehrbauten ist, die wir je sahen. An einer Führung durch den Palas teilnehmend, belohnten wir uns mit mittelalterlichen Eindrücken, welche den letzten Tagen einen krönenden Abschluss verliehen.

Auf der Wartburg 1
Wem nie ein Herz in Liebe schlug,
Wen nie Begeisterung höher trug,
Saß er im Kreise froher Zecher
Beim Liedersang und Klang der Becher,
Wer niemals hier von Wartburgs Höhen
Auf Gottes schöne Welt gesehen:
Den Mann beneid‘ ich wirklich nicht
Er ist und bleibt ein armer Wicht!
unbekannter Dichter
Auf der Wartburg 2
Im Palas. Ja, hier atmet man tatsächlich noch ein Stück Vergangenheit. Nur bitte nicht zu tief. Der deutsche Nationalstolz hat auch hier seinen Ursprung. Und wohin der führte, kennen wir sicher noch aus dem Geschichtsunterricht.

Belohnung auf der Wartburg

Bis zum Ende der Öffnungszeiten verbachten wir mehrere Stunden auf dem Burgberg, bevor wir uns etwas traurig in die Stadt und zum Eisenacher Bahnhof aufmachten. Dort bestiegen wir den Zug nach Berlin und während die Landschaft an uns vorbei sauste, ließen wir die letzten Tage nochmals Revue passieren.

Schön mittelalterlich auf so einer Burg. Als Abschluss der 5-tägigen Wanderung genau das Richtige. In die andere Richtung gelaufen gäbe es nur Bäume und einen Fluß.
Schön mittelalterlich auf so einer Burg. Als Abschluss der 5-tägigen Wanderung genau das Richtige. In die andere Richtung gelaufen gäbe es nur Bäume und einen Fluß.

Resümee

Der Rennsteig an sich ist sehr gut ausgeschildert, nur fanden wir die Angaben der Kilometer etwas ungenau. So fand sich zum Beispiel ein Wegweiser mit der Aufschrift Neustadt am Rennsteig noch 6km und darunter Laßmannstein 1km. Waren wir dann aber am Laßmannstein angekommen, gab uns das Hinweisschild immer noch 6km bis nach Neustadt. Nach Adam Riese kann das allerdings nicht sein. Und dieser mathematische Faux-Pas ist unterwegs des Öfteren zu finden. Positiv ist allerdings anzumerken und besonders hervorzuheben: Knackt man erst einmal die vermeintlich harte Schale des Thüringers, ist dieser äußerst freundlich und hilfsbereit. Ein großes Dankeschön an all diejenigen, die uns den Weg erleichterten und mit viel Freude versahen.

Auf der Wartburg 3
Einsame Gänge. Muß damals ganz schön zugig gewesen sein. So ohne Fenster und jegliche Dämmung. Wenn es nicht Weltkulturerbe wäre, wären die Mieten heute wohl ziemlich günstig.

Die Wartburg

„Wart‘, Berg, du sollst mir eine Burg tragen!“ Mit diesem Ausruf während einer Jagd soll Ludwig der Springer aus dem Geschlecht der Ludowinger 1067 den Standort der heutigen Wartburg festgelegt haben. Gegen 1080 wird diese dann auch das erste Mal von Bruno, Bischof von Merseburg, schriftlich erwähnt. 1155 wurde die bis dahin kleine Wach- bzw. Wächterburg (so die tatsächliche Namensableitung) um den Palas erweitert, der bis heute als der besterhaltene romanische Profanbau nördlich der Alpen gilt. In den Jahren 1521/22 hielt sich hier der vom Kaiser geächtete und vom Papst verbannte Reformator Martin Luther auf und übersetzte in nur 11 Wochen das Neue Testament der Bibel ins Deutsche. Seit 1999 steht die Wartburg auf der Liste des Welterbes der Menschheit von der Unesco und ist damit Weltkulturerbe.

Wartburg
Klein schaut sie aus und mußte doch großes aushalten. Martin Luther übersetzte hier die Bibel ins Deutsche. Sein karges Zimmer kann man noch heute bestaunen. Außenklo inklusive.

Geschrieben von

Sven Becker

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