Fährmann hol über! – Unstrut 4/4

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Die berühmte Sektkellerei von Freyburg dürfte national ziemlich bekannt sein. Über die Grenzen Deutschlands hinaus dürfte allerdings Naumburg und sein Weltkulturerbe-Dom sein, der mit architektonischer Vielfalt zu beeindrucken weiß. Doch der Weg dahin muss erst noch gegangen werden.

Golden leuchtet der Herbst durch das kleine Fenster im Schlafzimmer der Ferienwohnung Jana. Die Berge gegenüber spiegeln die ersten Strahlen des Tages und werfen sie warm und wohlig in den früh beginnenden Tag. Es ist 8 Uhr morgens und die Gastgeberin hat bereits ein reichhaltiges Frühstück aufgefahren. Auch wenn das Interieur der Räumlichkeiten starke Züge von DDR-Nostalgie aufweist – Sprelakart war noch nie wirklich schön – wirkt die Herzlichkeit der Vermieterin echt und aufgeschlossen. So in den neuen Tag startend kann er nur ein guter werden. Auch wenn er der letzte auf unserer Wanderung durch das Saale-Unstrut-Triasland ist.

Mikroklima im Tale der Unstrut, mittendrin liegt Freyburg
Mikroklima im Tale der Unstrut, mittendrin liegt Freyburg

Bummel durch Freyburg auf die Burgruine Neuenburg

Eine Stunde später sind wir bereit und beginnen unsere Wanderung mit einem Stadtbummel. Verschlafen ruht der Ort, sind nur vereinzelt Menschen auf den Straßen zu sehen. Das gibt uns die Möglichkeit, Freyburg beim sonntäglichen Erwachen zu beobachten. Der Wirt vom Hotel Zur Neuenburg stellt herbstliche Dekoration vor die Tür, vereinzelt strömen meist Ältere in die Kirche zum Gottesdienst. Auch erste Touristen trudeln ein, treffen sich vor der weit über die Grenzen bekannten Sektkellerei Rotkäppchen, um diese zu besichtigen und ausgewählte Sorten zu verkosten.

Als wir genug vom Bummeln haben, folgen wir dem sehr gut ausgeschilderten Wanderweg hinauf zum Schloss Neuenburg, einem Juwel der Romanik. Bereits im 11. Jahrhundert gegründet, erfährt der Besucher Interessantes und Historisches aus ihrer tausendjährigen Geschichte. Als Schwesterburg der Wartburg in Eisenach galt diese Festung der Ludowinger als größtes Bollwerk gegen die Markgrafen von Meißen und sicherte deren Grenze. Gut erhaltene Überreste und instand gesetzte Gebäude ermöglichen einen tiefen Einblick in eine der bedeutendsten Burganlagen des hochmittelalterlichen Europas.

Imposant und gewaltig empfängt den Wanderer der Eingang zum Schloss Neuenburg bei Freyburg
Imposant und gewaltig empfängt den Wanderer der Eingang zum Schloss Neuenburg bei Freyburg

An der Mündung der Unstrut in die Saale

Vorbei an Weingütern unterschiedlicher Größe, herrschaftlichen Villen und kleineren Straußwirtschaften wandern wir die letzten Kilometer entlang der Unstrut bis zu ihrer Mündung in die Saale. Fast unmerklich und völlig unspektakulär strömen die beiden Flüsse ineinander. Nach nur 192 Kilometern ergießt sie sich in die dunklen Wasser der Saale und geht fortan in ihr auf. Obwohl die Unstrut eigentlich der breitere von beiden Flüssen ist erlischt ihre Bedeutung an genau dieser Stelle.

Etwas ratlos stehen wir am Ufer, wollen wir doch hinüber. Weder Brücke noch Furt ermöglichen uns einen Übertritt. Dafür ruht am Ufer ein großer Kahn, der wohl als Fähre dient. Jedoch: weit und breit ist kein Fährmann zu sehen. Da wir keine Lust haben, uns auf den Weg zur nächsten Brücke zu machen, die immerhin vier Kilometer entfernt ist, bleibt uns nichts weiter übrig, als geduldig zu warten.

Nach knapp 30 Minuten kommt ein älterer Herr humpelnden Schrittes direkt auf uns zu. Grummelnd und gesprächsfaul nimmt er unsere Maut entgegen. Auch auf meine neugierigen Fragen weiß er nur einsilbig oder gar nicht zu antworten. Ein komischer Kauz, dieser Fährmann an der Mündung der Unstrut in die Saale.

Eines der Prunkstücke des Doms in Naumburg: der Lettner Westchor
Eines der Prunkstücke des Doms in Naumburg: der Lettner Westchor

Sightseeing am Naumburger Dom

Die restlichen Kilometer nach Naumburg sind recht schnell gegangen. Auch wenn der Weg sich gut fünf Kilometer bis ins Stadtinnere zieht, verraten Häuser und Villen am Wegesrand den Beginn städtischer Zivilisation. Mal durch kleine Nebenstrassen laufend, mal durch Tunnel unterhalb der Bahnlinie streifend, erreichen wir wenig später die Altstadt und damit den Naumburger Dom.

Jener ist von riesiger Schönheit und lädt zum Kennenlernen ein. Während Ines und Bert sich bereits in Richtung Bahnhof aufmachen, suchen Daniel und ich historische Tiefe in den altehrwürdigen Gemäuern. Als ehemalige Kathedrale des Bistums von Naumburg zählt der heute evangelische Dom St. Peter und Paul seit jeher zu den bedeutendsten Bauwerken der Spätromanik und trägt mit Fug und Recht seit dem 1. Juli 2018 den Titel UNESCO-Weltkulturerbe. Noch vor dem Jahr 1044 eingeweiht vereinen sich in dem Bau unterschiedlichste Baustile. Kaum irgendwo sonst ist eine solche Detailfülle und Einzigartigkeit baumeisterlicher Qualität zu bewundern wie hier. Allein die Stifterfiguren aus der Werkstatt des Naumburger Meisters gelten als wichtigste Kunstwerke der Frühgotik.

Moderne Kunst im Naumburger Dom

Ein ganz besonderes Highlight für alle Kunstinteressierten findet sich im Nordwestturmes des gotischen Baus. Anlässlich des 800. Geburtstags der Heiligen Elisabeth von Thüringen im Jahr 2007 komplett instand gesetzt, enthält dieser „Raum der Stille“ nicht nur ihre Statue aus dem Jahr 1235, sondern nebenbei auch noch drei Glasfenster, die vom wohl bekanntesten Vertreter der Neuen Leipziger Schule geschaffen wurden. Die Rede ist von Neo Rauch, der aktuell neben Gerhard Richter einer der bekanntesten deutschen Vertreter moderner Kunst sein dürfte. Gerade die Ambivalenz der Moderne in Hinblick auf die über 800-jährige Geschichte der Gemäuer übt einen besonderen und faszinierenden Reiz aus.

Das leise Plätschern der Unstrut ist ein steter, beruhigender Begleiter auf diesem Weg.

Abschied vom Saale-Unstrut-Triasland

Ich wünschte, mehr Zeit für den Besuch des Doms zu haben. Doch das bereits im Vorfeld gebuchte Ticket mahnt zur Eile. Gut zwei Stunden später müssen auch Daniel und ich zum Bahnhof eilen, an dem Bert und Ines bereits auf uns warten. Während der letzten zwei Kilometer durch Naumburg lassen wir noch einmal die letzten Tage Revue passieren. Einmal mehr hatten wir die Möglichkeiten, eine touristisch fast unerschlossene Gegend kennenzulernen, die dank herbstlicher Farben und historischer Bedeutung einmal mehr zum Hinfahren einlädt. Denn das haben wir uns geschworen: allein der Vielfalt der hiesigen Weine lohnt sich ein zweiter Besuch allemal.

75 Kilometer in vier Tagen – Quer durch das Saale-Unstrut-Triasland. | © 2017 Sven Becker, dotsperinch.eu
75 Kilometer in vier Tagen – Quer durch das Saale-Unstrut-Triasland. | © 2017 Sven Becker, dotsperinch.eu

Weitere Eindrücke

Geschrieben von

Sven Becker

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Vorgestellt: „Weltnah“ von Jakob Horvat

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Lesetipp: „Couchsurfing in China“ von Stephan Orth

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Über mich

Seit 2007 wandere und reise ich vor allem mit dem Rucksack durch Europa und manchmal auch durch die Welt. Dabei versuche ich nachhaltig unterwegs zu sein: meist zu Fuß oder mit der Bahn. Das dann aber mit offenen Augen – denn Abenteuer gibt es an jeder Ecke.

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