Tolkien’s Mittelerde liegt eigentlich in Böhmen

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Die Wolken hängen tief. Ihr Grau drückt aufs Gemüt und lässt die Luft schwül und schwer werden. Grillen zirpen, Mücken schwirren hektisch im Unterholz und Vögel suchen Schutz in dichten Bäumen. Als ahne die Natur, dass sich etwas anbahnt und näher rückt. Ich ahne es nicht. Trotz der Wetterwarnungen wage ich mich in die Untiefen der Böhmischen Schweiz im Elbsandsteingebirge, genauer in die Edmundsklamm nahe Hrensko. Von einem Schauer lasse ich mich doch nicht erschrecken, habe ich doch schon größere Wetterunbilden überstanden.

Die Wolken hängen tief. Ihr Grau drückt aufs Gemüt und lässt die Luft schwül und schwer werden. Grillen zirpen, Mücken schwirren hektisch im Unterholz und Vögel suchen Schutz in dichten Bäumen. Als ahne die Natur, dass sich etwas anbahnt und näher rückt. Ich ahne es nicht. Trotz der Wetterwarnungen wage ich mich in die Untiefen der Böhmischen Schweiz im Elbsandsteingebirge, genauer in die Edmundsklamm nahe Hrensko. Von einem Schauer lasse ich mich doch nicht erschrecken, habe ich doch schon größere Wetterunbilden überstanden.

Von Hrensko aus in Richtung Mittelerde

Gemächlichen Schrittes wandere ich durch das kleine Grenzstädtchen an der Elbe. Die vielen Hochwasser haben ihre Spuren hinterlassen. Mit etwas Glück vom Abriss verschont stehen viele der Gebäude leer. Oder sind im Begriff zu verfallen. Einst ein blühendes Dorf ist es heute nicht mehr als eine Touristenattraktion – unbelebt und künstlich am Leben gehalten. In den Gemäuern nisten Einzelhändler mit billigem Ramsch. Ich ignoriere sie.

Buden und Schnickschnack in den Bergen – Touristenfang mittels Konsum
Buden und Schnickschnack in den Bergen – Touristenfang mittels Konsum

Kurz vor der Klamm mache ich eine kleine Pause und genehmige mir am Imbiss ein Pivo. Auch wenn der Wind auffrischt und mir mehr Wanderer entgegen kommen als sich in entgegen gesetzte Richtung aufmachen, verschwende ich keinen Gedanken an das Wetter. Noch ist es warm und die Hoffnung groß.

Baum und Fels vom Wasser gezeichnet
Baum und Fels vom Wasser gezeichnet

Ein fernes Grollen kündigt an, was der Wetterbericht prognostizierte. Vielleicht war es doch keine gute Idee heute wandern zu gehen. Der Wind wird böig, frischt auf; bringt die Bäume zum Rauschen und die Vögel zum Schweigen. Erste Anzeichen: ein Gewitter naht. Den Blitz nehme ich gar nicht wahr, höre nur den Donner, der sich als Echo zwischen den Felsen verfängt. Es knallt ordentlich und lässt mich für einen Moment zusammenzucken.

Am Anfang der Klamm wollen schmale und feuchte Wege gegangen werden
Am Anfang der Klamm wollen schmale und feuchte Wege gegangen werden
Eine Kahnfahrt kann sicher lustig sein. Heute wird sie wohl eher naß.
Eine Kahnfahrt kann sicher lustig sein. Heute wird sie wohl eher naß.

Vom Regen überrascht

Kurz überlege ich noch, ob ich den Weg fortsetze, es den Anderen gleichtue und mich ebenfalls in den bereitstehenden Kahn setze. Doch mein Bauchgefühl rät mir davon ab. So schaue ich den Mutigen nach und drehe mich um, um Schutz zu suchen. Just in diesem Moment beginnen erbsengroße Hagelkörner vom Himmel zu regnen und piksen wie kleine Nadeln auf der Haut. Ich gehe den Weg ein Stück zurück und stelle mich unter einen Felsüberhang. Genau zur rechten Zeit. Denn wenige Sekunden später beginnt es zu regnen, vom Himmel zu strömen.

Ehrlich gesagt: ich liebe Gewitter. Zu keinem Zeitpunkt ist die ursprüngliche Kraft der Natur so unmittelbar erfahrbar.

Von der Hitze der letzten Tage aufgeheizt kühlt die Luft in Windeseile ab. Nebel bildet sich und taucht das Tal, die Klamm, in eine Unwirklichkeit, in eine magische Welt, in der man weniger Wanderer als mehr Trolle oder Zauberer erwarten würde. Tolkiens Mittelerde – hier existiert diese Welt wirklich.

Die Stille vor dem Sturm habe ich Ernst genommen und ausreichend Schutz gesucht
Die Stille vor dem Sturm habe ich Ernst genommen und ausreichend Schutz gesucht

Es soll ja schon vorgekommen sein, dass Sommergewitter sich zwischen den Bergen festgehängt und eingeregnet haben. Ich habe wohl Pech. Bei diesem ist das nämlich der Fall. Auch nach einer halben Stunde lässt der Regen nicht nach, sondern scheint an Intensität zugenommen zu haben. Es regnet und donnert die ganze Zeit, die Geräusche kommen aus allen Himmelsrichtungen. Mittlerweile steigt sogar der Pegel der Klamm und selbst der kleine Vorsprung bietet nur noch unzureichenden Schutz. Aber bei allem Pech habe ich auch Glück. So komme ich auch weiterhin in den Genuss dieses einzigartigen Naturschauspiels und kann gedanklich noch etwas länger bei Gandalf und Legolas verweilen.

Mittelerde in Böhmen – Tolkien muss einfach im Elbsandsteingebirge gewesen sein
Mittelerde in Böhmen – Tolkien muss einfach im Elbsandsteingebirge gewesen sein

Träumereien im Elbsandsteinland

Erst nach über 2 Stunden lässt der Regen nach und ich wage mich unter dem Felsen hervor. Es ist kalt, bestimmt fünfzehn Grad kühler als noch bei meinem Aufbruch. Einige Wanderer kommen mir völlig durchnässt entgegen. Sie hatten weniger Glück. Da sich mit fernem Grollen bereits das nächste Gewitter ankündigt fasse ich den Entschluss umzukehren und abzubrechen. Und doch bin ich kein bißchen traurig darüber. Wer hat schon das Glück, einmal mitten in Tolkiens Welt wandern zu können? Mittelerde liegt also doch mitten in Europa. Genauer in der Böhmischen Schweiz.


Die Edmundsklamm ist Teil einer der schönsten, aber auch anstrengendsten Touren durch die Böhmische Schweiz. Wer die gesamte Tour erwandern möchte, dem sei diese Karte ans Herz gelegt.

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Geschrieben von

Sven Becker

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