Drei-Hütten-Wanderung im Riesengebirge (Karpacz)

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Eines der wohl idyllischsten Ausflugsziele im polnischen Riesengebirge ist zweifelsohne die kleine Teichbaude (Schronisko Samotnia). Eine Wanderung dorthin verspricht alpinen Hochgenuss.
Karpacz sorgt vor: Gut präparierte Wege laden zum Wandern ein.
Karpacz sorgt vor: Gut präparierte Wege laden zum Wandern ein.

Start am Morgen im Hotel Nowa Ski Spa in Karpacz

Eine meiner Verflossenen konnte das perfekte Rührei zubereiten. Damit in einen Sonntag zu starten war ein lieb gewonnener Hochgenuss. Meines dagegen schwankt häufig zwischen zerstückeltem Omelett und Spiegelei nicht ganz durch. Warum ich das erwähne? Hier im Hotel Nowa Ski Spa hätte sie ihren Meister gefunden. Noch nie habe ich ein solch perfektes Rührei gegessen. Nicht einmal bei ihr. Die Konsistenz ist genau richtig – nicht zu fest, nicht zu weich – geschmacklich ein Traum. In meinem persönlichen Rührei-Ranking wäre das somit die neue Nummer Eins. Ganz nebenbei gesagt hilft dieser Umstand enorm vom Cap­puc­ci­no aus dem Automaten abzulenken. Der dagegen ist wirklich kein Knaller.

Vor den Fenstern geht währenddessen die Welt unter. Der Wind ist über Nacht wieder aufgefrischt. Die Wetter-App prognostiziert Böen Stufe 6 bis 7 und spricht eine Warnung aus. Verkehrsschilder an den Straßen zittern unter seiner Wucht. Äste an Bäumen quietschen beim Versuch, dieser Kraft etwas entgegen zu setzen. Obendrein hat er auch noch jede Menge Regen mitgebracht. Kübelweise plätschert es aus grauen Wolken, sucht das Wasser seine Flucht in immer breiter werdenden Rinnsalen und hilft dem kleinen Bach, zu einem reißenden Fluß anzuschwellen. Ein Vorteil an alpiner Bergwelt ist ja vor allem und zuallererst die Schönheit der Berge. Ein Nachteil allerdings, dass sich tief ziehende Wolken gern mal an ihnen festhängen und es eine Zeitlang braucht, bis sie sich leer geregnet haben. Gegen Mittag jedoch bessert sich das Wetter. Der Sturm lässt nach und ich mache mich auf den Weg.

Tief verschneite Wälder und zugefrorene Bäche – im Riesengebirge sind die Winter hart.
Tief verschneite Wälder und zugefrorene Bäche – im Riesengebirge sind die Winter hart.
Auf zum Teil vereisten Wegen führt der Weg immer weiter über die Baumgrenze
Auf zum Teil vereisten Wegen führt der Weg immer weiter über die Baumgrenze

Von Karpacz zur kleinen Teichbaude (Schronisko Samotnia)

Die Parkgebühren in Karpacz gestalten sich abwechslungsreich. Mal zahlt man am Automaten für die Stunde umgerechnet einen Euro, anderenorts für den ganzen Tag fünf. Für deutsche Verhältnisse mag das zwar recht günstig erscheinen. Setzt man allerdings den polnischen Mindestlohn dagegen relativiert sich das Ganze. Dann heißt es nämlich eine Stunde arbeiten für zwei Stunden parken. Daher wundert es mich nicht, dass Touristen die Parkmöglichkeiten häufiger nutzen als Einheimische.

Ich benötige Geld. Der Bankomat am Skilift jedoch funktioniert genauso wenig wie der Lift an sich. Durch den starken Orkan der letzten Nacht und der immer noch böigen Winde bleibt der Betrieb heute eingestellt. Das ist nicht weiter schlimm, mir war eh mehr nach meditativem Wandern als nach einer berauschenden Abfahrt.

Auf dem Weg durch Klein-Kanada

Kurz unterhalb der Baumgrenze geben die Wolken einen Blick auf die umliegende Bergwelt frei. Superlative wie „Klein-Norwegen“ oder „Klein-Kanada“ kommen mir da als erstes in den Sinn. Aber warum braucht es eigentlich diese Vergleiche, um eine Landschaft zu beschreiben? Immer wieder gern verwendet wird auch das Attribut „Schweiz“. Aber weder die „Sächsische“, noch die „Märkische“ oder gar die „Fränkische Schweiz“ erinnern an die tatsächliche. So verhält es sich auch hier. Es braucht keine vergleichenden Superlative. Das ist hier ist nicht Kanada. Auch nicht Norwegen. Das ist das Riesengebirge. Auch ohne eine Metapher ist es einfach traumhaft schön. Gedankennotiz an mich selbst: Vergleiche zukünftig streichen.

Ab eintausend Höhenmetern ist der Weg fast komplett vereist. Mehrmals rutsche ich aus und stürze gefährlich zu Boden. Vereinzelt kommen mir aus entgegengesetzter Richtung Wanderer entgegen, perfekt ausgestattet mit Stöcken, Grödeln, Steigeisen. Ausgerechnet die habe ich zu Hause vergessen.

Je höher ich dem Weg folge desto tiefer dringe ich in eine wunderbar weiße Winterlandschaft vor. Der Wald lichtet sich und weicht niedrig gewachsenen Sträuchern. Eisig pfeift der Wind in Böen von den Berghängen und zwingt mich so manches Mal stehen zu bleiben. Die Wolken, die er vor sich herschiebt hängen tief, mich umgibt einzig und allein die Farbe Weiß.

1670 erstmals erwähnt überdauert die kleine Teichbaude nun schon Generationen
1670 erstmals erwähnt überdauert die kleine Teichbaude nun schon Generationen

Rast am Tagesziel, der kleinen Teichbaude

Inmitten meterhoher Berge gelegen ruht mein heutiges Tagesziel äußerst idyllisch an einem zugefrorenen See, die kleine Teichbaude. Sie scheint beliebt: Auf allen Zuwegen spült es im Minutentakt neue Wanderer in ihren Schutz. Der Gastraum, in dem es selbst gemachte Speisen und trübes polnisches Bier gibt, ist völlig überfüllt. Und international. Polen neben Tschechen, Deutsche neben Franzosen, Amerikaner neben Chinesen – alle teilen sich den spärlichen Platz. Für einen kurzen Moment bleiben die Verwicklungen der Welt draußen und lachen alle gemeinsam über das Ungeschick eines Schweden, der mit vernebelter Brille gegen einen der zu tief hängenden Deckenpfosten stößt. Schön, wenn politische Differenzen unbedacht bleiben, für einen kleinen Moment die Welt still zu stehen scheint.

Von der kleinen Teichbaude, der Schronisko Samotnia führt der Weg entlang des Sees weitere Meter hinauf zur Strzecha Akademicka, der Hampelbaude. Wurde erstere aufgrund des Fischreichtums und damit einhergehender Forellenzucht angelegt, diente letztere seit eh und je dem Vergnügen. Alt sind sie beide. Erste einfache Bauten gehen weit ins 17. Jahrhundert zurück und sind damit die ältesten Bergbauden im Riesengebirge.

Nur etwas über sieben Meter tief ist der See an der kleinen Teichbaude meiste den ganzen Winter über zugefroren
Nur etwas über sieben Meter tief ist der See an der kleinen Teichbaude meiste den ganzen Winter über zugefroren
Wer gut gerüstet ist sollte den Anstieg gut meistern. Grödel dabei zu haben kann da sicher nicht schaden.
Wer gut gerüstet ist sollte den Anstieg gut meistern. Grödel dabei zu haben kann da sicher nicht schaden.

Auf dem Rückweg nach Karpacz

Landschaftlich betrachtet gibt es wohl nichts traurigeres als einen dahinscheidenden Winter. Die Reste von vereinzelten Schneefeldern sind grau und schmutzig, die Wege feucht und voller Schlamm. Eisfelder machen das Laufen schwer. Am Himmel ziehen graue Wolken über letzte Schneeflecken und karge Bäume hinweg. Mal regnet es kalte Tropfen, die in höheren Lagen in Eis oder Schnee übergehen, mal tüncht die hervorkommende Sonne alles in eine traumhafte Winterlandschaft. Einzig die Vögel sind voller Hoffnung und besingen den nahenden Frühling. Ihr Rufen ist bereits laut und deutlich.

Nicht mehr richtig Winter, aber auch noch kein Frühling – Karpacz, irgendwo dazwischen
Nicht mehr richtig Winter, aber auch noch kein Frühling – Karpacz, irgendwo dazwischen

Eine unruhige Nacht in Karpacz

Nach einem anstrengenden und ereignisreichen Tag gehe ich früh zu Bett. Weit nach Mitternacht klopft es jedoch leise und zaghaft an meiner Zimmertür. Da es auch geträumt sein könnte reagiere ich nicht darauf, versuche weiterzuschlafen. Erneut klopft es. Lauter und dringlicher diesmal. In der Befürchtung, es sei etwas passiert schäle ich mich aus dem Bett, gehe zur Tür und öffne sie einen Spalt. Davor steht ein Hüne von einem Mann. Doppelt so groß, doppelt so breit und doppelt so schwer wie ich. Glasigen Blickes lehnt er sich gegen die Zimmertür und drückt sie auf. Schwankend aber recht zielstrebig geht er ins Bad. Etwas verdutzt stehe ich mit der geöffneten Tür in der Hand im Zimmer und weiß nicht recht, was hier gerade passiert.

Wenig später geht die Spülung. Er kommt aus dem Bad, reicht mir die Hand und verschwindet wieder. Gerade als ich mich ins Bett legen möchte, klopft es erneut an der Tür. Diesmal versuche ich es zu ignorieren. Da mir das nur leidlich gelingt – es klopft sehr hartnäckig – beginnt das gleiche Spiel von vorn. Ich öffne spaltbreit die Tür, er drückt sie auf. Diesmal aber schwankt er zielstrebig in Richtung Bett. Als er dicht an mir vorbeigeht kann ich die Ursache riechen. Der Mann ist sturzbetrunken. Jetzt langt es mir aber. Nicht! Mein! Bett! Ich versuche ihn an den Schultern zu packen und zurück in Richtung Tür zu schieben. Unverständlich grummelnd schielt er mich an.

In just diesem Moment geht die Tür des Zimmers gegenüber auf. Heraus blickt ein ebenso großer wie breiter Pole, der seinen Freund lachend darauf aufmerksam macht, bei mir falsch zu sein. Der Betrunkene schaut ihn an, schaut mich an, schaut wieder den anderen an und schwankt schließlich in seine Richtung. Gemeinsam verschwinden sie im Zimmer gegenüber. Das Schöne an Hotels wie diesem ist ja: man kann nicht übers Ohr gehauen werden. Alle Zimmer sind irgendwie gleich. Sie genießen den gleichen Komfort, die gleiche Ausstattung, ähnliche Grundrisse. Das Schlechte daran ist jedoch, dass man sie auch gern mal verwechselt. Besonders wenn man betrunken ist.

Diese Nacht schlafe ich etwas unruhig.

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