Von Kurbädern und stillen Oasen – Unterwegs im Kaiserwald (1/4)

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Wer vom Kaiserwald spricht meint meist die ehemaligen Kaiserbäder. Doch das Gebirge, das sie umgibt, bietet mehr als nur Kur- und Kaffeehäuser und ist eine mehrtägige Erkundung wert. Dabei erfährt man im Geopark abwechslungsreiche Geschichte, unentdeckte Oasen und tolle Ausblicke. Etappe 1 meiner Wanderung durch den Slavkovský les.
Aussicht auf die nächsten Tage vom Dianaturm (Rozhledna Diana)
Aussicht auf die nächsten Tage vom Dianaturm (Rozhledna Diana)

Startpunkt Karlovy Vary (Karlsbad im Kaiserwald)

Durch das geöffnete Hotelfenster dringen erste Geräusche des Tages. Ein Bach, der friedlich über steinigen Grund plätschert, Vögel zwitschern zaghaft in frisch grünenden Bäumen und das Klappern des Geschirrs auf der Terrasse unterhalb des Balkons lockt erste Gäste an. Während die Sonne frühmorgendliche Strahlen auf die gegenüberliegenden Berghänge schickt erwacht die Stadt Karlovy Vary sanft und geduldig. Und ihre Gäste mit ihr. Bereits jetzt, sechs Uhr morgens, tummeln sich Frühaufsteher in den Cafés der Straßen und genießen mit neugierigem Blick das Erwachen des weithin bekannten Kurbads.

Wenige Stunden später durchstreife ich sonnengeflutete Straßen und erhasche einen turbulenten Eindruck. Tagesbesucher, Touristen, Kranke und Heilsuchende tummeln sich auf ihnen und finden sich in Menschensammlungen rund um die Heilbrunnen. Dessen Wasser schmeckt irgendwie salzig und abgestanden, soll aber angeblich gesund sein. Auch ich fülle meine Flasche mit der lauwarmen Flüssigkeit. Man weiß ja nie.

Wie gemacht sind die Gassen und Straßen des Ortes für Verliebte aus aller Welt. Von Nah und Fern strömen sie alljährlich ins Bäderdreieck.

Von Karlovy Vary nach Loket (19km)

Am Ende der Stadt, die sich windend und kurvenreich entlang des Flüsschens Teplá immer tiefer in den Kaiserwald gräbt, führt der Wanderweg den angrenzenden Berghang steil hinauf. Ein junges Paar, Händchen haltend und verliebten Blickes, schlendert gemütlich vor mir her. Wie gemacht sind die Gassen und Straßen des Ortes für Verliebte aus aller Welt. Von Nah und Fern strömen sie alljährlich ins Bäderdreieck. Nach Prag ist Karlovy Vary mittlerweile die meistbesuchte Stadt Tschechiens. Und das mit gerade mal 50.000 Einwohnern.

Bereits von Weitem sichtbar ruht oberhalb des Tals der Aussichtsturm Diana. Während die beiden Frischvermählten sich jedoch den Luxus der antiquierten Standseilbahn gönnen, beschließe ich zu laufen. Es tut gut, Tumult und Lebendigkeit der Touristenattraktion gegen Stille und Meditation des Wanderns einzutauschen. Mit jedem gelaufenen Schritt werden die Geräusche leiser und verschwinden in der Ferne. Erst am Dianaturm, der Kudlichwarte wird es wieder lebendiger. Hier treffe ich auch die Beiden wieder. Bei Bier und Bratwurst wird gelacht, geflirtet und – man staune – werden Postkarten geschrieben. Dagegen das Smartphone bleibt unbeachtet in der Tasche. Kein Selfie, kein Beweis der eigenen Anwesenheit auf einem der sozialen Netzwerke. Schön zu beobachten, dass es so etwas noch gibt.

Entlang der Eger zum Hans-Heiling-Felsen (Svatošské skály)
Entlang des Eger zum Hans-Heiling-Felsen (Svatošské skály)

Sagenhaft und mittelalterlich – Hans-Heiling-Felsen

Hinter Doubí (Aich), einem Stadteil von Karlovy Vary, wird es sagenhaft. Dereinst soll an dieser Stelle eine Nixe dem jungen Hans Heiling, Gesell auf Wanderschaft, so sehr den Kopf verdreht haben, dass er sich unsterblich in sie verliebte und ihr ewige Treue schwor. Doch ein gutes Jahr später zog es ihn in die Arme des hübschen Gretchens und führte er lieber jene zum Altar. Das erzürnte die so Verstoßene aufs Unermessliche und sie verwandelte die beiden in Fels und Stein. Zur Erinnerung ragen noch heute die Hans-Heiling-Felsen am Ufer des Eger gut 50 Meter in die Höhe und erinnern an Verderbnis durch ungezügelte Lust. Ein Drama, über das nicht nur eine Oper verfasst wurde, sondern sich ebenso vom anderen Flussufer ganz gemütlich bei Kaffee und Kuchen darüber sinnieren lässt.

Durch das frische Grün der Bäume fällt samtweiches Sonnenlicht, das sich bereits jetzt warm und wohlig anfühlt. Nach kalten Wintertagen genau der richtige Zeitpunkt, um mit einer ersten Wanderung die Muskulatur an die neuerliche Anstrengung zu gewöhnen. Am Ufer des Eger tauchen verspielte Eisvögel ins kühle Nass, über den Wipfeln dreht ein Bussard seine Runden. Kämen mir nicht hin und wieder Fahrradfahrer entgegen, könnte ich glatt vergessen, inmitten des Kaiserwald zu sein. In der Ruhe liegt nicht nur Kraft sondern Erholung. Und Energie, die dringend benötigt wird.

Durch das frische Grün der Bäume fällt samtweiches Sonnenlicht, das sich bereits jetzt warm und wohlig anfühlt.

Ankunft im mittelalterlichen Loket

Als Halbinsel ragt das idyllische Loket in eine Kehre des Ohře/Eger. Auf einem Granitmassiv, ihrem höchsten Punkt, thront eine mittelalterliche Burg, deren Mauern erhaben und mächtig, fast schon furchteinflößend sind. In der Mitte des 12. Jahrhunderts als romanische Festung erbaut durchlebte sie turbulente Zeiten. Der Königssohn Wenzel (Karl IV.) wurde auf ihr gefangen gehalten, die Hussiten belagerten sie und Pestqualen wurden in ihr gelindert. Heute ist sie Museum und damit für jedermann zugänglich. Doch nichts in den vergangenen 800 Jahren konnte ihrer wahren Größe etwas anhaben. Dank der einzigartigen Lage ist sie noch immer ein echter Hingucker. Und mein heutiges Tagesziel.

Ich durchstreife die engen Gassen von Loket und tauche ein in die mittelalterlichen Geschichten dieser kleinen Stadt. Gänzlich vom Verkehr befreit laden Cafés und Gaststätten, Handwerkerläden und gemütliche Lokale zum Verweilen ein. Am Rande des alten Marktplatzes lasse ich mir bei typisch böhmischer Küche die letzten Sonnenstrahlen des Tages ins Gesicht scheinen, bevor diese blutrot erst hinter Fachwerkdächern und später hinter den umliegenden Bergen verschwindet. Es ist längst dunkel, als ich nach einem abschließenden St. Florian, ein hiesig gebrautes Starkbier, in meiner Pension zur Ruhe komme und meinen Beinen nach der ersten Etappe, den ersten 19 Kilometern im Kaiserwald, etwas Erholung gönne.


Infos & Tipps

Ausführliche Informationen über Karlsbad und den Kaiserwald erhält man beim Tourismusverband Karlovy Vary.

In Karlovy Vary gibt es viele Hotels, von einfach bis gediegen, von antiquiert bis luxuriös. Vorzüglich und außerdem preiswert schläft man im Hotel Romania, hinter dessen Gebäude eine Treppe zu ganz besonderer Aussicht über die Stadt führt.

Die Burg Loket ermöglicht hautnahe Geschichte. In Museum und Ausstellung wird nicht nur Geschichte sondern auch ein übersichtlicher Einblick in mittelalterlichen Alltag vermittelt.

In Loket empfehle ich die Pension Quest, welche von einem Aussteiger und Weltenbummler im skandinavischen Stil betrieben wird. Außerdem weiß er den besten Aussichtspunkt auf die Burg, der etwas versteckt liegt und erklettert werden muss.

Tschechien und insbesondere Böhmen sind für ihre Biere weithin bekannt. Einen Überblick verschafft die Karte der bekanntesten tschechischen Brauereien.

Geschrieben von

Sven Becker

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