Erling Kagge „Gehen. Weiter gehen“ — #Buchtipp

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Das Gehen ist das erste was ein Mensch unter vielen Fehlschlägen lernt und nie wieder vergisst. Gerade weil unsere Generation zur Zeit im Begriff ist, sich von dieser Fessel zu lösen, scheint es umso wichtiger, alles bereits gesagte und gedachte zu diesem Thema einmal zusammenzutragen. Kagge tut das in seinem neuen Buch auf sehr abwechslungsreiche und unterhaltsame Weise. Eine Buchvorstellung.

Erling Kagge „Gehen. Weiter gehen“

Lange lag das Buch unbeachtet auf meinem Schreibtisch. Der Verlag hat es mir kurz nach Veröffentlichung als Rezensionsexemplar zugeschickt. Doch so rechte Lust, es zu lesen, hatte ich nicht. Ich dachte wohl, dass es schon wieder so ein hippes Buch wäre, das krampfhaft versucht zeitgemäß zu sein. 

Doch als ich es jetzt in die Hände nahm, überraschte mich die Leichtigkeit, mit welcher der Autor aus allen Lebensbereichen – manchmal trivial aber immer fundiert – Theorien und Wissen zum Thema Gehen und Wandern heranzieht, zusammenträgt und mit eigenen Erfahrungen koppelt. Diese decken sich erstaunlicherweise auch mit meinen. Gehen ist scheinbar auch für andere mehr, als nur die reine Fortbewegung zu Fuß. 

Wandern ist gesund

Ein Beispiel: Was unbewusst von vielen Kulturen in der Geschichte zum Auflösen von Gedankenkonstrukten genutzt wurde, um zum Beispiel neuen Gedanken zu folgen, wurde spätestens in den 1980ern Jahren von Wissenschaftlern der japanischen Universität Chiba als Therapieform etabliert – das Shinrin-yoku, das Waldbaden. 

In unseren Breitengraden wird die als Waldtherapie bezeichnete Form zwar noch vorzugsweise Esoterikern zugeschrieben, jedoch konnte ein wissenschaftlicher Effekt bereits nachgewiesen werden. Die Aufnahme von Phytonziden und anderen Botenstoffen, die durch Bäume und Pflanzen des Waldes  freigegeben werden, schützen das menschliche Immunsystem nachweisbar vor Bakterien und Viren. 

„Bei so vielen Dingen in unserem Leben geht es um hohes Tempo. Gehen tut man langsam. Und ist damit das Radikalste, was du tun kannst.“

Erling Kagge

Gleichzeitig wird die Verdauung verbessert, der Cholesterinspiegel gesenkt und das Gehirn mit mehr Sauerstoff versorgt. Man fand heraus, dass sich Denkprozesse beim Gehen oder Wandern um über 60% verbessern. Gemessen an Probanden, welche die ganze Zeit nur sitzen. Und das lässt sich sogar noch steigern. Je länger der Aufenthalt in der Natur, je länger der Spaziergang oder die Wanderung ist, desto größer die Steigerung. Im Umkehrschluss bedeutet das dann wohl: Sitzen macht krank, Wandern erhöht die Gesundheit.

Kagge zitiert Kagge und die Welt

Der Autor weiß wovon er spricht. Vielfache Spaziergänge und Wanderungen hat er absolviert. Oftmals unisolo, manchmal in Begleitung. Dabei kann monatelanges Alleinsein zermürben. Oder,  wie in seinem Falle, helfen, alte Gedankenkonstrukte aufzubrechen und neue zuzulassen. Das zu beobachten, zu lesen, ist nicht nur interessant sondern einfach außergewöhnlich. 

„Vergangenheit und Zukunft spielen kaum eine Rolle, solange man einen Fuß vor den anderen setzt.“

Erling Kagge

Immer wieder zitiert Kagge ganz nebenbei Philosophen, Literaten oder Geisteswissenschaftler aus über zwei Jahrtausenden, die sich irgendwann mal passend zum Thema geäußert haben. Vervollständigt wird das ganze mit seinen ganz eigenen und persönlichen Gedanken. Das rundet das Buch ab und macht es nicht nur zu einem äußerst unterhaltsamen Lesestück, sondern insgesamt wichtig. Ein Sammelsurium an kurzweiligen Gedanken. Und damit eine wirkliche Empfehlung, die auch als Geschenk was hermacht. Sofern der Beschenkte mit dem Thema etwas anfangen kann. 


„Gehen. Weiter Gehen“
von Erling Kagge

Erschienen bei Suhrkamp im Insel Verlag.
160 Seiten | ISBN 978-3-458-17768-5
€ 16,99 [D] | € 16,50 [A]

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für die Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Rezensionsexemplars.

Informationen

Sven Becker
Sven Becker
In Dresden aufgewachsen, in Berlin eine neue Heimat gefunden, starte ich von hier in die Fremde. Mal mit Rucksack, mal ohne. Mal in die Berge, mal an den Strand. Aber immer mit offenen Augen. Denn Abenteuer gibt es an jeder Ecke...

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