Durch das Riesengebirge (2|3)

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Die Vögel vor dem Fenster, erstaunlich das es auf dieser Höhe überhaupt welche gibt, wecken uns auf ihre eigene charmante Weise. Ihr Gesang holt uns beizeiten aus den Federn, auch wenn ich – mal wieder – der letzte bin, der wach wird. Nach einem schmalen, aber sättigenden Frühstück auf der Hütte verlassen wir die Baude mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich über die Bergkämme erheben. Die Tour, nicht minder anstrengend als der gestrige Aufstieg, soll uns heute auf dem Kammweg in Richtung Sněžka (deutsch: Schneekoppe) immer mal wieder ins polnische Land wechselnd auf den höchsten Berg des Riesengebirges führen. Mit 1.602m ist er im Vergleich mit Bergen der Alpen eine Lachnummer, soll aufgrund der Ausgesetztheit aber nicht minder anstrengend sein. Na, ich bin gespannt.

Martinsbaude – Schneekoppe / Sněžka (1.602m) – Wiesenbaude (24km)

Direkt hinter der Martinsbaude (Martinova Bouda) führt der Wanderweg einen kleinen Anstieg zum Kamm hinauf, der 4 Kilometer später auch fast mühelos erreicht ist. Da wir noch den ganzen Tag Zeit haben, genehmigen wir uns an dieser Stelle eine erste Pause und schauen ein paar Studenten beim Packen ihrer Sachen zu. Das kleine Hüttchen an der Weggabelung dient wohl schon seit jeher als Unterschlupf für unerschrockene Wanderer, denn hier oben kann es auch im Sommer des Nächtens ziemlich kalt werden. Mitunter bis zum Gefrierpunkt sinken auch im Juli und August die Temperaturen und bestärken einmal mehr den alpinen Charakter dieses Gebirges.

Den Kamm entlang wandernd, wechseln wir immer wieder die politischen Territorien. Mal auf der polnischen Seite, mal auf der tschechischen wandernd, führt uns der Weg auf Fels und Stein recht mühsam bergauf und -ab. Es strengt auf Dauer an, mit zum Teil unsicheren Schritten diesen Weg entlang zu laufen, würde uns nicht stets eine fantastische Sicht bis weit ins polnische Land hinein begleiten. Wälder, Wiesen und Bergseen geben den Rahmen vor, der nur von kleinen Flecken Zivilisation unterbrochen wird.

Hin und wieder machen wir Rast, treffen auf Wanderer unterschiedlichster Nation. Da Deutschland nicht weit weg ist, auch auf Thüringer. Mit einem Rentnerpärchen kommen wir ins Gespräch und sie erzählen uns von Ihrer Wanderung auf dem Europäischen Fernwanderweg 3. Dieser führt von Istanbul in der Türkei bis an die spanische Atlantiklüste. Ein Teil davon auf dem Jakobsweg, ein Teil davon eben hier, auf dem Kammweg des Riesengebirges. Nein, sie wollen den Weg nicht in Gänze laufen, hatten sich aber irgendwann entschlossen ihn wenigstens teilweise zu erwandern und die schönsten Teilstücke herausgesucht. Das müssen wir ihnen dann auch bestätigen, der Weg im Riesengebirge ist ein wunderschöner und vor allem ein sehenswerter. Einen guten Weg, bis Istanbul ist es noch ein Stück. Wir verlieren sie wieder aus den Augen.

Hüben wie drüben das gleiche Bild. Grenzen haben wohl mehr einen symbolischen Charakter, als dass sie tatsächlich existieren.

Am Horizont begleitet uns schon seit dem Morgen der Gipfel der Schneekoppe, doch so lang wir auch laufen, er will einfach nicht näher kommen. Dafür gesellen sich hin und wieder Tagesausflügler zu uns. Von Bussen an den Kammbauden ausgespuckt gehen sie ein Stück des Weges, nur um an einer anderen Hütte wieder eingesammelt zu werden. Das ist moderner Tourismus, Hauptsache wir waren dabei. Auffällig ist und bleibt, wandern wir in Deutschland, scheinen wir die Jüngsten zu sein. Wandern wir hier sind wir unter altersgleichen. Viele Jugendliche, Studenten und Mittdreißiger sind unterwegs, genau wie wir, mit dem Rucksack bepackt, ein Abenteuer erlebend. Das kenne ich so aus der Heimat nicht, offensichtlich wird in Polen und Tschechien mehr und selbstverständlicher gewandert.

Wolken sind herangezogen, der Wind hat aufgefrischt. Aus dem Tal kriecht erster Nebel die Hänge hinauf, doch noch scheint alles im Bereich des Machbaren. Am frühen Nachmittag erreichen wir das Schlesierhaus, den Dom Śląski, zu Füßen der Schneekoppe. Ein reges Treiben, Ansammlungen von Menschen und Massentourismus feinster Güte treffen wir an, selbst die Toilette im Schlesierhaus wird zum lohnenden Geschäft. Na klar, der Bus kam gerade erst an. Die Ausflügler, leicht bekleidet, mitunter in Sandalen, machen sich die Serpentinen hinauf und blockieren den Aufstieg. Aller 200 Meter bilden sich kleine Inseln verschnaufender Menschen, die völlig außer Atem ein wenig pausieren. Der Weg ist steil und schmal, zum Abhang hin mit einem Geländer gesichert. So wird der Berg auch für Oma Trude ermöglicht. Hier darf offenbar jeder nach seiner Façon. Es steht zwar jedem frei auf die Berge zu steigen, wie er es möchte, aber dort der erste Kratzer, woanders der umgeknickte Fuß sprechen da eine ganz andere Sprache. Wer nicht hören will muss eben fühlen.

Der Aufstieg zieht sich. Marcus rennt vorneweg und mein Bruder und ich dringen mit jedem weiteren Meter tiefer in den Nebel hinein. Inzwischen liegt der Gipfel komplett in den Wolken und verhindert die Sicht auf das opulente und beeindruckende Gebäude auf polnischer Seite. Das kleine Kirchlein ist geschlossen, doch das Postamt hat geöffnet. Nein, dieser Berg mag so beeindruckend sein, wie er will, er ist und bleibt vornehmlich eine Touristenattraktion. Aus diesem Grunde verweilen wir nicht allzu lang, stärken und wärmen uns nur kurz im Restaurant, um uns anschließend auf den Abstieg zu begeben.

Zurück am Schlesierhaus verlassen wir den Kammweg und biegen links in Richtung Wiesenbaude ab. Über ausgetretene Feldwege, abwechselnd mit Brettern verfestigten Brücken, dringen wir tiefer in das Moorgebiet rund um die weiße Elbquelle ein. Nur sehen können wir leider nichts. Mittlerweile hat der Nebel das Gebirge fest im Griff und es beginnt leicht zu regnen. Ein paar Kilometer später kommen wir an der Hütte an, suchen uns ein Zimmer und verbringen den Abend abermals bei Skat und gutem Essen in der warmen Gaststube. Draußen regnet es in Strömen, hoffentlich lässt das bis morgen nach.

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