Durch das Riesengebirge (1|3)

weiterlesen

„Dobrý den.“ So begrüßt uns der Kellner in einem Lokal im schönen Spindleruv Mlyn. Mit seinen Speisen bepackt raunt er uns im Vorbeigehen noch schnell ein fast unverständliches „Ich bin gleich bei Ihnen“ zu, bevor er mit den Tellern um die Ecke verschwunden ist. Zeit, sich umzuschauen. Urgemütlich, so würde man wohl die Inneneinrichtung beschreiben, die nur das widerspiegelt, was der Rest des Ortes schon vorgegeben hat. Und das nicht ohne Grund. Die Ortschaften an den Hängen des kleinsten Hochgebirges der Welt, sowohl auf der polnischen als auch auf der tschechischen Seite, sind architektonisch verdächtig nahe den Bauten des Alpenraumes. Eben urig. Und da steht er auch schon wieder vor uns und fragt: „Wollen gute Knödel? Mache gute Preis. “ Wir geben ihm zu verstehen, dass wir nicht essen sondern eigentlich nur Geld tauschen wollen, woraufhin er lächelt: „Ahh! Mache auch gute Kurs.“ Wir tauschen jeder für die nächsten drei Tage, verlassen das Lokal und stellen beim Nachrechnen fest: der Kurs in der Bank war besser. Aber die hatte leider schon zu.

Spindleruv Mlyn – Elbquelle – Martinsbaude (19km)
Wir starten unsere Wanderung bei strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen. Wir, das sind einmal mehr mein Bruder und ich, diesmal jedoch begleitet von seinem Sohn, was ja dann wohl mein Neffe ist. Zwei Generationen einer Familie, unterwegs auf unbekannten Wegen. Das ist neu, das muss gefeiert werden.

Nur ein Kilometer weiter, am Zusammenfluss der weißen und der schwarzen Elbe, biegt der Weg linkerhand ab und führt fortan steil bergauf. Immer wieder kommen uns Ausflügler entgegen, leicht bepackt doch trotzdem durchgeschwitzt. Manchmal zu zweit, manchmal als Gruppe. Auch mit einem Kinderwagen. Die Frage, wie sie diesen hinauf bekommen haben verkneife ich mir in Unkenntnis der fremden Sprache, rätsele dennoch und wundere mich über die Hingabe zum Kinde. Die Steigung hat mittlerweile alpinen Charakter, die Wege sind ausgetreten und unbefestigt. Das mit einem Kind ist sicher schon schwer genug, mit einem Buggy hochgefährlich.

Die Baumgrenze haben wir längst hinter uns gelassen, was eigenartig ist, sind wir doch erst auf 1.000 Höhenmetern. Doch dann endlich, gefühlte Stunden und unzählige Pausen später, kommen wir an der eindrucksvollen weil imposanten Elbbaude an, ein mächtiger Bau sozialistischer Zweck-Architektur, der sich beeindruckend über das Tal erhebt. Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags und uns dürstet es nach einem starken Kaffee oder wahlweise einer Cola. Ich verspüre zudem einen leichten Hunger und die tröstende Aufmunterung meines Bruders, hier gebe es bestimmt etwas zu essen, war Ansporn genug, mich die letzten Serpentinen hinauf zu treiben. Die Gastwirtschaft scheint offen, ein Schild verspricht bis 17 Uhr, doch außer einer feudelnden und unfreundlichen Putzfrau ist niemand mehr da, der Kiosk schon geschlossen. Na so wird das nichts mit dem EU-Beitritt. Erst große Versprechungen machen und dann nichts halten. Vielen Dank aber auch.

Erst auf 1.000 Höhenmeter, aber schon über der Baumgrenze. Da geht es vielen Menschen ähnlich. Erst Mitte 30 und oben auch schon nichts mehr drauf… 😉

Da es hier nichts zu holen gibt und mir die Unfreundlichkeit in Person den Appetit verdorben hat, gehen wir weiter in Richtung Elbquelle, um dort bei frischem Quellwasser unsere Notration anzuknabbern. In einen Betonring eingefasst wird das Wasser aus dem Boden gedrückt und schlängelt sich zu einem schmalen Bach in Richtung Abhang. Daneben sind an einer Steinmauer die Wappen der größeren Städte angebracht, durch die dieses Wasser einmal fließen wird. Dresden, Magdeburg und Hamburg sind ebenso vertreten wie auch Decin und Melnik auf der tschechischen Seite. Abgerundet wird die Wichtigkeit dieser Quelle und des aus ihr entspringenden Flusses von einer Statue in Form einer lasziv liegenden Frau. Ihr Hinterteil in den Himmel gestreckt soll sie wohl Symbol der Weiblichkeit dieses Flusses sein, lädt aber mehr zu Anzüglichkeiten ein. Naja, vielleicht geht aber auch nur die Fantasie mit mir durch und das Gebilde ist eigentlich nur eine Wurzel. Wie auch immer.

Die Schatten werden immer länger, das Tageslicht erreicht nur noch vereinzelt die Täler, es beginnt Abend zu werden. Noch ein paar letzte Kilometer dann haben wir es geschafft und erreichen bei untergehender Sonne die 6 Kilometer entfernte Martinsbaude. Meine Befürchtungen, wir würden wohl kein freies Bett mehr bekommen, verflüchtigen sich schlagartig, als uns der Hüttenwirt zusichert, wir bekommen sowohl ein Zimmer als auch noch ein warmes Mahl. Was will man mehr, der Abend ist gerettet und morgen ist noch weit entfernt.

Geschrieben von

Sven Becker

SHARE

Facebook
Google+
Twitter
Pinterest
Email
WhatsApp

Weiterlesen

Weitere Berichte