Verlassene Dörfer und drei Kreuze – Unterwegs im Kaiserwald (2/4)

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Auf der zweiten Etappe von Karlsbad nach Marienbad wird es mystisch im Böhmischen Kaiserwald. Vorbei an ausgestorbenen Dörfern und schwefelhaltigen Quellen führt der Wanderweg zur historischen Sehenswürdigkeit Drei Kreuze (U Tří křížů).
Wanderlust im Kaiserwald: Loket und seine Burg

Erwachen in Loket

Klammheimlich schiebt sich die Sonne am nächsten Morgen über die Berghänge und taucht die Burg Loket in warmes Licht. Die schroffe Beschaffenheit der Burgmauern passt so gar nicht zu diesem friedlichen Licht. Mich treibt es nach dem gestrigen Tag beizeiten aus den Federn. Zum Einen, da es heute wohl einer der wärmeren Frühlingstage werden soll, zum Anderen, weil ich das Erwachen des Städtchens bei einem frühen Kaffee genießen möchte. Ein lieb gewonnenes Ritual vom Jakosbweg. Verzaubert bin ich von Loket und seinen engen Gassen, deren Energie mich länger gefangen nimmt, als ursprünglich geplant. Eine stille Oase im Meer der Möglichkeiten. Ein Rückzugsort für Alltagsgeplagte. Und meine ausdrückliche Empfehlung. Der Besuch von Loket ist ein Muss! Ein weiterer Haken auf meiner Bucketlist. Der nächste steht auch schon an: Drei Kreuze. Dazu aber später mehr.

Ein letzter Blick auf die Burg bevor mich dichte Wälder umgeben.

Von Loket nach Prameny (22 km)

Nachdem ich ausgiebig gefrühstückt habe streife ich ein letztes Mal durch die Gassen, bevor ich mich entlang der alten Stadtmauer in Richtung Süden aufmache. Der Wanderweg aus Loket heraus führt über eine Brücke, die Abenteuerlust versprüht. Stählern trotzt sie den reißenden Fluten und verbindet mittelalterliches Fachwerk mit dem Kaiserwald.

Anstrengend weil steil schlängelt sich der Weg immer weiter bergan. Erst auf der Hochebene komme ich zum Verschnaufen. Der tiefe und dunkle Wald weicht großen Freiflächen, deren Felder und Wiesen nur von kleinen Dörfern unterbrochen werden. In Dvory fühle ich mich sogleich um Jahrzehnte in meine Kindheit zurück versetzt. Verfallende aber scheinbar immer noch bewohnte Häuser mit riesigen Gärten in denen vor allem Unkraut wuchert. Abseits des Hauptplatzes im Schatten einer riesigen Kastanie ruhen Gräber hinter einem niedrigen Zaun. Gemächlich schleppt sich eine ältere Frau mit Kittelschürze und Kopftuch in Richtung Weide, in der Hand einen Eimer voll Stroh.

So sah auch die DDR meiner Kindheit aus. Im  Zerfall gibt es ja auch immer Schönheit zu entdecken.

Auch in Nadlesi, dem nächsten Ort auf meinem Weg, schaut es nicht besser aus. An einer Straßenkreuzung stehen wenige Häuser, ein verlassener Bauernhof, vor sich hin vegetierende Gärten. Auf einer steinernen Treppe zum Tor des Hofes stehen Blumentöpfe aus Terrakotta. Die Pflanzen in ihnen, ursprünglich Zeugen mediterranen Flairs, vertrocknen. Hinter der zerbröselnden Mauer ein rostender Traktor aus den 60ern. Durch dessen zerbrochene Fenster strecken sich riesige Sonnenblumen dem Licht entgegen. So sah Tschechien, ach was, die DDR meiner Kindheit aus. Im  Zerfall gibt es ja auch immer Schönheit zu entdecken. 

Entlang des Čistý potok

Nach der Hochebene erneut dichter Wald. An einer Weggabelung mache ich Rast und entspanne ein wenig an den Ufern eines kleinen Sees. Auf ihm tummeln sich ein Paar Enten mit ihrem Nachwuchs auf Futtersuche. Kurz schauen sie auch bei mir vorbei, wenden sich aber kurz darauf wieder ab. Außer etwas Obst habe ich nichts dabei, was von wirklichem Interesse für sie wäre. Noch während die Sonne vom wolkenlosen Himmel durch Tannenbäume scheint nicke ich ein. Es tut gut, keine anderen Geräusche außer dem Zwitschern der Vögel und dem Plätschern des Wassers zu hören. Der eigene Atem gibt den Rhythmus vor, in welchem ich meine Gedanken frei laufen lassen kann. Wann hat man als stressgeplagter Großstädter schonmal die Möglichkeit, sich so entspannt, so frei zu fühlen? Hier finde ich für einen Moment auch meine innere Ruhe.

Wenig später werde ich durch eine kleine Wandergruppe geweckt. Nach Herzenslust tollen deren Kinder entlang des Weges, bleiben verdutzt stehen, als sie mich sehen. Etwas verschlafen packe ich meine Sachen zusammen. Es ist sowieso höchste Zeit weiterzulaufen. Noch sind es ein paar Kilometer bis zum heutigen Ziel. 

Auch ein Stück Landstrasse gehört zum Weg nach Prameny

Verschwundener Ort – das ehemalige Lauterbach (Litrbachy)

Vorbei an einer großen Weide auf der jede Menge Kühe grasen, stoße ich wenig später auf eine dicht bewaldete Straßenkreuzung, die es in sich hat. Als Landstraße von Becov nach Sokolov wird sie zwar heute nur noch wenig genutzt, standen aber bis 1946 noch unzählige Häuser an ihren Seiten. Litrbachy (Lauterbach) ihr ursprünglicher Name, abgeleitet von Lauter – klar und sauber. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wird am namensgebenden Bach und diesem Ort Zinn gewaschen. Die einstige Bergbausiedlung floriert, bekommt eine eigene Marke für den Zinnabbau, später eine Kirche, Denkmäler, Höfe, Wohnhäuser und wächst bis auf 2000 Einwohner. 

Erst die Annektierung des Gebietes durch deutsche Truppen 1938 beendet den Aufschwung. Die einstigen Bewohner werden vertrieben und durch ein paar deutsche Siedler ersetzt. Mit der Befreiung 1945 wird das Gelände dem Erdboden gleich gemacht und in das Truppenübungsgelände Prameny integriert. Ein in den 90er Jahren errichtetes Steinkreuz erinnert an einstige Größe. Wer davor steht erfährt, dass sich an genau jener Stelle, hier an der Kreuzung der beiden Straßen, der ehemalige Marktplatz befand, auf dem Zinn, Handwerk und allerlei Trödel verkauft wurden. Von Mitte des 14. Jahrhundert bis genau 1938 – eine ganze Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Es ängstigt mich, wenn ich bedenke, dass der Rechtspopulismus gerade in Mitteleuropa wieder stark im Kommen ist. 

Vorbei an den Drei Kreuze (Tří křížů) nach Prameny

Schon aus der Ferne leuchten drei Kreuze im Licht der Nachmittagssonne, umgeben von einer Hochebene, die mit besonderer Artenvielfalt aufwartet. Ein Trampelpfad führt auf die Felsen und direkt zu den Kreuzen. Einer Sage nach sollen drei Brüder eben diese in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Dank über ihre gemeinsame Genesung nach schwerer Krankheit errichtet haben. Näheres bleibt im Dunkel der Geschichte und ist nicht bekannt. Die wirkliche Bedeutung starb vermutlich mit den Dreien. Zurück bleibt ein Anblick, der mir einen ehrfürchtigen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Die böhmischen Knödel mit süßgekochtem Sauerkraut sind eine Empfehlung und trösten über die einfach eingerichteten Zimmer hinweg.

Erst am späten Nachmittag erreiche ich mein heutiges Ziel. Der Ort Prameny wirkt ausgestorben und leer. Kurz bekomme ich einen Schock, als ich den Schriftzug Pension & Hotel an einem leerstehenden Haus mit eingeschlagenen Fensterscheiben erblicke. Doch meine gebuchte Pension befindet sich zum Glück ein paar Meter weiter. Auffällig in knalligem Rot gestrichen ist sie fast nicht zu übersehen. An einem kleinen Bach gelegen, der leise und friedvoll vor sich hin plätschert, bietet sie ein einfaches aber willkommenes Dach über dem Kopf. Und selbstgekochte Küche obendrein. Die böhmischen Knödel mit süßgekochtem Sauerkraut sind eine Empfehlung und trösten über die einfach eingerichteten Zimmer hinweg. Im angrenzenden Garten genieße ich die letzten Sonnenstrahlen des Tages, bevor diese hinter Wolken verschwindet und mich frühzeitig ins Bett treibt.

Geschrieben von

Sven Becker

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