Die Sühnekreuzlegende von Berge

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Im Schatten der Pfarre, in einem Winkel des Friedhofs stehen zwei alte moosbewachsene Steinkreuze, von denen trauriges berichtet wird. Im Dorf gab es dereinst einen Schulzen, der wohl reich und begütert und einen Edelmann, der von Hause aus mit Reichtum gesegnet war. Der Hof des Einen lag an der östlichen Kirchhofseite, der des Ritters an der gegenüberliegenden. Letzterer war der Reichtum des Schulzen jedoch ein Dorn im Auge und voller Neid sann er, den Besitz des Bürgerlichen zu Seinem zu machen. Da der Ortsschulze aber noch kerngesund war und auch zwei Söhne für das Erbe hatte, war an ein Aussterben des Geschlechts nicht zu denken. Denn dann und nur dann wäre der Hof automatisch in den Besitz des Edelmannes übergegangen. Da der Ritter kein sonderlich geduldiger Mensch war, versuchte er nun, die beiden Söhne gegeneinander auszuspielen.

Zu dem Jüngeren sagte er: „Du bist zwar der Jüngere, aber nicht schlechter als Dein Bruder. Willst Du nun auf Dein Erbteil verzichten und der Knecht Deines Bruders sein?“ Der dachte darüber nach und kam zu dem Schluss: nee, wollt‘ er nicht. Dem Älteren dagegen flüsterte der Edelmann folgende Worte ins Ohr: „Du bist zwar der Ältere und eigentlich Erbe, aber ich würde mir an Deiner Stelle nicht nachsagen lassen, aus Selbstsüchtigkeit heraus Alleinerbe zu werden!“ Die beiden Brüder gerieten darüber in Zwietracht, die im ganzen Dorf Thema war.

Um diesen Streit zu schlichten, brachte der Edelmann – gewieft wie er war – ein Gottesurteil ein, dem die beiden Brüder sich zu unterwerfen gedachten. Es sollte ein Duell stattfinden, in welchem sich die Beiden mit jeweils einem Revolver gegenüber standen, wobei nur einer davon geladen sei. Der Überlebende würde den Besitz – nach Gottes Urteil – allein erben. Doch der Ritter, gar nicht dumm, lud einfach beide Revolver mit je einer Kugel. So kam was kommen musste, die beiden Brüder duellierten und erschossen sich gegenseitig. Nun hatte der Schulze keine leiblichen Erben mehr.

Doch der Ritter war kein tugendhafter und auch kein Geduldiger. Er wollte alles und zwar sofort. Die Söhne lagen noch gar nicht lang in geweihter Erde, da erschoss der Edelmann den Dorfschulzen bei dunkler Nacht kurzerhand in seinem Zimmer. Man munkelte zwar, den Schuldigen mit einer Windbüchse vom Hof des Schulzen schleichen gesehen zu haben, aber beweisen konnte man es ihm nicht. Damit fiel der gesamte Hof in den Besitz des Ritters, der fortan zwar weniger geliebt wurde, dafür aber reicher war als zuvor.

So künden die beiden moosbewachsenen Steinkreuze in einem Winkel des Friedhofs auch heute noch von dem tragischen Tod der beiden Schulzensöhne. Und die Moral von der Geschicht‘: Der Kleine ist der Dumme – Reichtum vor Schönheit – das Kapital gewinnt immer – ach was weiß denn ich.

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Sven Becker
Sven Becker
In Dresden aufgewachsen, in Berlin eine neue Heimat gefunden, starte ich von hier in die Fremde. Mal mit Rucksack, mal ohne. Mal in die Berge, mal an den Strand. Aber immer mit offenen Augen. Denn Abenteuer gibt es an jeder Ecke...

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