Lesetipp: „Couchsurfing in China“ von Stephan Orth

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Vorzugsweise reist er in Länder, die das Auswärtige Amt als gefährlich einstuft. Als wäre das nicht Abenteuer genug, verbringt Stephan Orth die Nächte nicht in Hotels oder Herbergen, sondern zu Hause bei und zusammen mit den jeweiligen Bewohnern. Das Ganze nennt sich Couchsurfing, ist nicht ganz unumstritten, ermöglicht aber einen tiefen Blick in den Lebensalltag der Einwohner. Und ist außerdem äußerst kurzweilig und amüsant.

Couchsurfing für Fortgeschrittene

China, immer noch selbsternannte Volksrepublik, ist mit ca. 1,4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde. Und obendrein eine Diktatur. Eine sozialistisch angehauchte zwar, aber dennoch eine ziemlich astreine. Individuelle Entwicklung wird immerhin toleriert, aber lediglich im Konsens des parteilich Abgesegneten, des gemeinschaftlich wertvoll Erachteten. Wer anders denkt, als die Partei es vorgibt, muss mit Represalien, Ächtungen und Einschränkungen seiner Freiheit rechnen. Manchmal sogar mit Gefängnis oder noch schlimmer: Straflager. Typische Anzeichen einer ausgeprägten Despotie. Nicht umsonst spricht das Auswärtige Amt in Berlin auch eine Reisewarnung für Teile des Landes aus. 

Niemand kann so lässig Rücksichtnahme, Bevormundung und Demütigung in einen Satz packen wie ein Chinese.

Stephan Orth

Doch das ist Journalist und Autor Stephan Orth zum Glück egal. Trotz der in Europa zumeist sehr einseitigen Berichterstattung über das Reich der Mitte wagt er sich über die Grenzen und hinein in ein Land, das einem irgendwie vertraut vorzukommen scheint. Vertraut im Sinne hinlänglich bekannter Historie aber vor allem sozialistischer Tradition. Jedem in Ostdeutschland Aufgewachsenem kommen vielleicht die ein oder anderen im Buch beschrieben Wesenszüge bekannt vor: die Partei – Entschuldigung – der Geheimdienst hört eben immer mit.

Als ob das nicht reichen würde, verbringt Orth seine Nächte nicht wie jeder übliche Tourist in Hotels, Bettenburgen oder Pensionen – er schläft bei wildfremden Menschen, die ihn zu sich einladen auf der Couch. Und das schon zum dritten Mal. Nach Russland und dem Iran erschien nun am 1.März 2019 sein drittes Buch, das sicherlich erneut – und vor allem zurecht – die Bestsellerlisten erklimmen wird.

Eingetaucht in Extreme, in eine fremd-moderne Welt

So weiß Stephan Orth Erstaunliches zu berichten. Von Metropolen, deren Namen hierzulande völlig unbekannt sind, aber mehr Einwohner als Berlin, München und Hamburg zusammen haben. China ist in den letzten Jahren schnell gewachsen. Nicht nur aus Bevölkerungssicht. Auch die Moderne hat mehr als nur Einzug gehalten. Galt das Land in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch als rückständig und antiquiert, kann sich selbst Silicon Valley mittlerweile eine Scheibe von der digitalen Entwicklung chinesischer Großstädte abschneiden. Vernetzung, GPS, Apps – alles ist fortschrittlicher und moderner als Apple & Co. es uns zur Zeit anpreisen. Mit dem Handy bezahlen? Längst gang und gäbe. Zumindest in den Großstädten.

Auf dem Land dagegen erfährt der Autor einen anderen Eindruck. Dort, wo die Bildungsoffensive des einstigen Sozialismus versagt hat, zieht stattdessen Massentourismus ein. Mittelalterliche Gassen werden fotogen instand, das Schwanenpaar im See idyllisch in Szene gesetzt. Das dies zum Großteil mittels Enteignung und Verdrängung erzwungen wird, verschweigt der Autor genauso wenig wie die allgegenwärtige Überwachung auf den Straßen. Inklusive Direktübertragung begangener Rotverstöße auf einen Screen  gegenüber der stark frequentierten Bushaltestelle. Ein modern-digitaler Pranger mit Echtzeitwirkung. Im Buch kann man schon mal lesen, woran man sich auch bald in unseren Breiten zu gewöhnen haben wird.

Hochgezüchteter Größenwahn​

China ist keine Fußballmacht, will es aber werden. Von der Partei ausgelobt wurde die Sportart zum Nationalsport Nummer Eins erkoren. Das Geld fließt reichlich, woher es kommt ist nicht immer nachvollziehbar und bleibt zumeist ungewiss. Das dürfte allerdings Hulk & Co. – der brasilianische Fußball-Star, nicht der Comic-Held – eher wenig interessieren. Ihre hoch dotierten Verträge bei Shanghai SIPG sind millionenschwer, die überdimensionierten Stadien dagegen kaum besucht. Wenn China etwas will, lässt es nicht locker. Nur so konnte die Wende vollzogen und der  technologische Fortschritt vorangetrieben werden. 

In China wird der Wandel als Naturzustand akzeptiert, das Leben ist eine ständige Baustelle, ein „Ankommen“ ist nicht vorgesehen.

Stephan Orth

Meist aber auch mit der Dreistigkeit eines Kopierers, dem es egal ist, von wem er sein Wissen bezieht, es aber anwendet, als wäre es sein eigenes. Der deutsche Automobilbauer Volkswagen hat das bereits vor Jahrzehnten richtig bewertet und ist nun größter in China vertretene Autoproduzent Europas. Hier werden Wagen gebaut, von denen noch kein Europäer je etwas gehört hat. Nur Fans des Zeichentrick-Bären Winnie-the-Pooh werden enttäuscht sein: aufgrund der Ähnlichkeit mit Präsident Xi ist die Figur verboten und der neue Film in China zensiert

Couchsurfing extrem: Mein Eindruck vom Buch

Es gibt so viel zu erzählen von diesem Land und Stephan Orth tut es. Und macht es dabei genau richtig. Sein Schreibstil ist angenehm unaufgeregt. Bildhaft und sympathisch berichtet er von seinen Eindrücken ohne  gehobenen Zeigefinger, dafür aber mit der nötigen Prise Humor und Verschmitztheit. Hin und wieder zu lesen, wie er der politischen Bevormundung und den Gästen, auf dessen Couch er schläft, ein Schnippchen schlägt, ist reinste Lesefreude. Das Buch glänzt mit den kleinen Weisheiten, die nur jemand von sich geben kann, der aus Erfahrung spricht.

Ganz im Gegensatz zu anderen Reiseautoren nimmt Orth sich dezent zurück und besetzt die Position des Berichterstatters perfekt. Nicht das eigene Ego treibt die Geschichte voran, sondern allein seine Neugier auf das Unbekannte, auf die vielleicht auch einschüchternde Fremde. Uneitel, aber immer mit nötigem Witz und einer Prise Selbstironie – das Buch liest sich äußerst kurzweilig und unterhaltsam. 

Wer die beiden Vorgänger bereits gelesen hat sollte hier unbedingt erneut zugreifen. Alle anderen dagegen lassen sich lieber nicht vom Thema Couchsurfing abschrecken; das ist unterhaltsamer als man es sich vorzustellen vermag. Vor allem, weil es eigentlich von der chinesischen Obrigkeit gar nicht gern gesehen wird…

Ein tolles Buch. Eine Empfehlung.

„Couchsurfing in China — Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht“

Geschrieben von Stephan Orth
Erschienen bei Malik
256 Seiten | Piper Verlag | ISBN 978-3-89029-490-2
€ 16,00 [D] | € 16,50 [A] CHF 21,50

Vielen Dank an den Piper Verlag für die Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Rezensionsexemplars.

Wer dem Instagram-Channel des Verlags folgen möchte kann das gern hier: instagram.com/piperverlag.

Geschrieben von

Sven Becker

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