Buchtipp: „Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller

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Gibt es eigentlich eine Altersgrenze fürs Backpacking? Verändert ständige Erreichbarkeit und überall verfügbares Internet unser Verständnis vom Reisen mit dem Rucksack, dem Backpack? Antworten gibt das äußerst kurzweilige Buch „Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller, welches bei Malik erschienen ist.
Warten auf den richtigen Bus in Tulum, Mexico // © Gitti Müller, privat
Warten auf den richtigen Bus in Tulum, Mexico // © Gitti Müller, privat

Comeback mit Backpack

Die 80er – ein gutes Jahrzehnt. Zumindest, wenn man noch richtige Abenteuer erleben wollte. Solche, die unter die Haut gingen, die gefährlich waren, in denen man definitiv die Komfortzone verlassen musste. Dagegen in unserer Zeit, den 2010ern, die von ständiger Erreichbarkeit, Smartphones und überall verfügbarem GPS geprägt sind, hat man auch in den entlegensten Winkeln Mobilfunkempfang und kann via Handy unbekannte Gebiete bereisen ohne wirklich den Kontakt mit der Heimat zu verlieren.

Backpacking ist wieder groß in Mode. Gefühlt reist jeder zweite Twen direkt nach Schule oder Ausbildung mit Backpack oder Rucksack in ferne Länder, wobei Süd-Ostasien und Ozeanien noch immer die beliebtesten Reiseziele zu sein scheinen. Nicht so die Autorin des Buches „Comeback mit Backpack“. Sie ist dem Rucksackreisen, dem sogenannten Backpacking, seit 40 Jahren treu geblieben und hat das Ganze mittlerweile zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Dabei hat sie klassische Backpackerziele, wie Thailand oder Neuseeland, erst viel später besucht. Stattdessen reist sie in Gebiete Süd- und Lateinamerikas, in denen zum Teil noch Drogenbarone oder das Militär regierten. Ihre Erfahrungen und ganz persönlichen Entwicklungen hat sie in einem Buch zusammengefasst, welches ich hier kurz vorstellen möchte.

Cover des Buches „Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller // © Malik, Pieper Verlag, 2017
Cover des Buches „Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller // © Malik, Pieper Verlag, 2017

Ein Fazit: Auch Rucksackreisen haben sich verändert

Folgt man den Reisen in ihrem Buch von den 80ern bis heute, wird einem als Leser bewusst, dass sich Backpacking und das Reisen mit dem Rucksack über die Jahrzehnte stark verändert haben. Überlebten Dörfer an abgelegenen Bergseen in den Anden noch mittels einfacher Strukturen, haben sich mittlerweile Hotels oder Bettenburgen angesiedelt, wurde die dortige Bevölkerung für die eigenen Ziele zum Teil assimiliert oder gar vertrieben. Das erschrickt beim Lesen etwas, macht aber einmal mehr deutlich, wie filigran und feingewebt die unterschiedlichen Kultursysteme unseres Planeten eigentlich sind. Selbst wenn man die wohl ursprünglichste Art des Reisens wählt: das Backpacking.

Mein Handy ist aus, mein Laptop tot – und ich merke, wie meine eigenen Akkus aufladen.

Gitti Müller

Das Buch zu Lesen ist nicht nur unterhaltsam, sondern interessant. Sowohl die persönlichen als auch die vor Ort gemachten Eindrücke und Erfahrungen haben mich als Leser mit auf eine inspirierende Reise genommen. Dass hier vergangene und neue Erfahrungen gegenübergestellt werden ist von hohem Bildungswert. Wird auf diesem Wege doch nicht nur aufgezeigt, wie schnell regionale Veränderungen einschlagen können, sondern vor allem welche Verantwortung jeder Einzelne – egal ob Backpacker oder Pauschaltourist – beim Reisen in fremde Kulturen eigentlich mit sich trägt. Es kommt eben nicht nur auf den Sensations- oder Unterhaltungswert einer Gegend an, auch der eigene Beitrag zur zukünftigen Entwicklung des besuchten Ortes sollte hin und wieder mal hinterfragt werden. Zu genau diesen Gedankenspielen anzuregen stellt einen enormen Mehrwert des Buches dar.

„Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller // © Malik, Pieper Verlag, 2017
„Comeback mit Backpack“ von Gitti Müller // © Malik, Pieper Verlag, 2017

Eine Empfehlung für angehende Backpacker

Der emotionale Einblick in die Gefühlswelt, in das Alleinreisen als Frau, aber auch die Begegnungen innerhalb fremder Kulturen trägt enorm zum Unterhaltungswert der Lektüre bei. Mich persönlich haben die geschilderten Anekdoten richtiggehend gefesselt und habe ich selten so schnell ein Buch durchgelesen wie dieses. Gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, ist „Comeback mit Backpack“ mein persönlicher Geheimtipp und gehört als Geschenk eigentlich unter jeden Weihnachtsbaum eines angehenden Backpacker’s.

Äußerst sympathisch entführt Gitti Müller den Leser auf unbekannte Wege, in abenteuerliches Terrain und fremdartige Kulturen. Das ist zuweilen spannend, stets unterhaltsam geschrieben und besitzt den berührenden Witz einer Frau, die auch mal herzhaft über sich selbst lachen kann. Das macht einfach Spaß zu lesen und hat mich die letzten Tage enorm an das Buch gebunden. Es fiel mir richtig schwer, die Publikation zwischendurch aus der Hand zu legen. Am Ende hätten es gern noch ein paar Seiten mehr sein dürfen. Und ja: Backpacking ist definitiv keine Frage des Alters. Vielmehr hat es sich als eine Art des Reisens etabliert und ist nicht länger den jüngeren Generationen vorbehalten. Zum Glück!

Seit 40 Jahren mit dem Backpack unterwegs (Tulum, Mexico) // © Gitti Müller, privat
Seit 40 Jahren mit dem Backpack unterwegs (Tulum, Mexico) // © Gitti Müller, privat

Post Scriptum

Zur Zeit ist Gitti Müller in Mexico unterwegs, um neue Erfahrungen und Erlebnisse zu sammeln. Wer ihre Reise online verfolgen möchte kann das gern in ihrem Blog Comeback mit Backpack tun. Das ist mindestens genauso spannend wie ihr Buch.

Wer sollte das Buch lesen? 
Abenteurer, Backpacker und Träumer – Freunde alter und neuer Wege.

Für wen ist das Buch nichts?
Für Pauschaltouristen, die ihre Freizeit lieber im Liegestuhl am Strand verbringen.

„Comeback mit Backpack“

Geschrieben von Gitti Müller
Erschienen bei Malik
272 Seiten | Piper Verlag | ISBN 978-3-89029-142-0
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A]

Vielen Dank an die Autorin und den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

Geschrieben von

Sven Becker

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