Winter, Brocken, Harz!

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Wenn der Winter nicht nach Berlin kommen mag, dann komme ich halt zu ihm. Denn was diesen Winter in der Hauptstadt gänzlich fehlte ist im Harz, knapp drei Autostunden entfernt, zuhauf anzutreffen: Strahlender Sonnenschein, eisige Winde und jede Menge Schnee.

Wenn der Winter nicht nach Berlin kommen mag, dann komme ich halt zu ihm. Denn was diesen Winter in der Hauptstadt gänzlich fehlte ist im Harz, knapp drei Autostunden entfernt, zuhauf anzutreffen: Strahlender Sonnenschein, eisige Winde und jede Menge Schnee. Womit wir dann auch bei den eigentlichen Farben des Winters wären.

Mehr für ursprüngliche Gemüter als Spa-Verwöhnte: die Pension Andrä in Schierke
Mehr für ursprüngliche Gemüter als Spa-Verwöhnte: die Pension Andrä in Schierke

Startpunkt der Wanderung in Schierke

Die Wände der Pension Andrä, in der ich übernachte, sind dünn. Schon frühzeitig werde ich durch das Streitgespräch einer Mutter mit ihrem vierjährigen trotzenden Kind im Nachbarzimmer geweckt. Sie möchte, dass er sich die Zähne putzt, er weigert sich mit stetem „Nein!“. Nach 30 Minuten des Debattieren und Streitens platzt dem Vater die Geduld, es klatscht und das Kind beginnt bitterlich zu weinen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass diese Form der Erziehung die Kluft zwischen bedingungslosem Vertrauen und blindem Gehorsam nur noch vergrößert. Und zwar nicht unbedingt in Richtung des Erstgenannten. Herrschaftszeiten, das bringt gar nichts. Zu allem Überdruss bin ich jetzt vollständig wach. Es ist 7:30 Uhr und eigentlich war mir ursprünglich nach ausschlafen.

Ist der Fluß durch Schierke erst einmal zugefroren ist Schlittschuhlaufen nicht nur in der neu gebauten Arena möglich.
Ist der Fluß durch Schierke erst einmal zugefroren ist Schlittschuhlaufen nicht nur in der neu gebauten Arena möglich.

Doch wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch in den Tag starten. Nach einem übersichtlichen Frühstück mache ich mich bei strahlendem Sonnenschein auf meine heutige Wanderung. Bereits von Weitem klopft das rhythmische Stampfen der Dampflokomotive durchs Tal, welches hin und wieder durch tiefes sonores Hupen unterbrochen wird. Viel lauter knirscht nur noch der Schnee unter meinen Füßen. Der erste in diesem Winter. Die Parkplätze in Schierke sind überfüllt, scheinbar haben wir alle das gleiche Ziel: die knapp sechs Kilometer hinauf auf den Brocken. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich gemeinsam mit vielerlei Grüppchen und Wanderern zu Norddeutschlands höchstem Gipfel aufbreche.

Gemächlichen Tempos kämpft sich der Brockenexpress die Höhenmeter hinauf
Gemächlichen Tempos kämpft sich der Brockenexpress die Höhenmeter hinauf

Durch den Eckerlochstieg auf den Gipfel

Der Aufstieg durch den Eckerlochstieg ist steil und obwohl die Temperatur mit jedem gewonnenen Höhenmeter kontinuierlich sinkt komme ich ganz schön ins Schwitzen. Waren im Tal noch ca. minus 8 Grad sind es jetzt bereits minus 12. Auch wenn Alpinisten – die sich gewöhnlich jenseits der 4.000er-Marke bewegen – bei diesen Temperaturen nur müde lächeln, ist es dennoch verdammt kalt. Bei jeder Pause zieht die Eiseskälte sofort unter die Kleidung und beginne ich zu frösteln.

Unterhalb des Eckerlochstiegs bietet sich noch einmal die Möglichkeit einer Rast.
Unterhalb des Eckerlochstiegs bietet sich noch einmal die Möglichkeit einer Rast.

Wie an einer Perlenkette aufgereiht wandern wir gemächlichen Schrittes dem Gipfel entgegen. Aus den Mündern dampft der Atem wie aus dem Schornstein der Lokomotive des Brockenexpress.

Durch den Eckerlochstieg immer weiter hinauf zum Gipfel
Durch den Eckerlochstieg immer weiter hinauf zum Gipfel

Auf dem höchsten Berg des Harz

Trotzdem eisige Winde über das Plateau des Brocken ziehen ist dieser – genau wie bei meinem letzten Besuch – völlig überlaufen. Von dick eingepackt wie ein Expeditionsforscher bis hin zu leicht bekleideten Touristen in Turnschuhen sind sie alle vertreten. Mit jeder Bahn, die äußerst romantisch in die Station des Gipfels einfährt, schwemmt es wie Ameisen gleich weitere Gäste auf den Gipfel. Das windgeschützte Thermometer an der Bergstation zeigt minus 15 Grad. Auch wenn der Glühwein heiß ist frieren meine Finger bei dem eisigen Wind sofort. Wie viele andere hält es auch mich nur eine Bratwurstlänge auf dem Gipfel, dann trete ich den Rückweg an.

Anfänglich wird der gleiche Weg zurück gegangen, zweigt später aber ab.
Anfänglich wird der gleiche Weg zurück gegangen, zweigt später aber ab.

Rückweg über die Alte Bobbahn

Der Abzweig am Mönchsstein klingt verlockender als er tatsächlich ist. Denn das was nach geschichtlicher Attraktion klingt ist im Winter komplett unter Schnee begraben. Eine Schutzhütte, ein Wegweiser, der stark frequentierte Weg – sonst nur Weiß. Kein Stein, kein Mönch, vor allem aber kein Mönchsstein. Dementsprechend kurz hält es mich auch an dieser Stelle und ich wandere weiter die letzten drei Kilometer entlang der Alten Bobbahn hinab nach Schierke.

Quer durch die Alte Bobbahn kreuzt nicht zu überhören auch die Brockenbahn.
Quer durch die Alte Bobbahn kreuzt nicht zu überhören auch die Brockenbahn.

Hier komme ich dann doch noch mit etwas Geschichte in Berührung. Was heute Jung und Alt zum Rodeln dient wurde bis in die Fünfziger Jahre des letzten Jahrhundert tatsächlich als Bobbahn für Wettkämpfe genutzt. Start soll auf dem Brockenbrett etwas höher gewesen sein, Zieleinlauf dann 140 Meter tiefer in Schierke. Und schnell war sie für die damalige Zeit. Nach mehreren Erweiterungen und Umbauten konnten auf ihr Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h gefahren werden. Doch auch hier nagte der Zahn der Zeit. Was damals schnell war, war irgendwann nicht mehr schnell genug. Als Naturbahn wurde sie sich selbst überlassen und dient heute Wanderern und Rodlern gleichermaßen als geschichtsträchtiges Vergnügen.

Mancherorts ist der Weg ganz schön vereist, aber dennoch auch im Winter gut zu bewandern
Mancherorts ist der Weg ganz schön vereist, aber dennoch auch im Winter gut zu bewandern

Am Abend sind überraschenderweise sämtliche Gaststätten in Schierke völlig überfüllt. Im Gasthaus „Zum Holzfäller“ finde ich jedoch noch Platz an einem Tisch, an dem bereits vier Frauen sitzen. Dabei bin ich in guten Händen. Denn wie sich herausstellt, sind diese vier Damen allesamt Krankenschwestern auf gemeinsamem Wochenendausflug. Als Hahn im Korb mit vier erfrischenden Gesprächspartnerinnen gestaltet sich das Abendessen als gelungener Ausklang dieses winterlichen Tages, Obendrein bekomme ich noch kostenlos ein paar Tipps gegen zweierlei Kater. Den, durch Muskelüberanstrengung und den, durch zu viel Alkohol. Bei beiden hilft wohl Ibuprofen. Ah ja. Okay. Das Wissen aus erster Hand hatte ich mir irgendwie tiefgründiger vorgestellt.

Geschrieben von

Sven Becker

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