Auf dem Wunderblutweg – Tag 5

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Von Kötzlin nach Bad Wilsnack (25km)
Bereits mit den ersten Sonnenstrahlen werden wir wach. Ob sich der Körper schon an die Anstrengungen, das ewige Laufen und Wandern gewöhnt hat oder wir einfach nur aufgeregt sind, weil es heute endlich ans Ziel geht, lässt sich nicht so einfach sagen. Gemeinsam mit unserer Gastfamilie nehmen wir das Frühstück zu uns, die Brote für unterwegs gibt es gratis dazu. „Nein, so viele sind es dieses Jahr nicht, die unterwegs waren“ gibt man auf meine Frage Auskunft. 23 Pilger, wir eingeschlossen, sind es wohl nur gewesen, die bei ihnen übernachteten. Als Zubrot reicht es, denn auch hier das gleiche Bild, die Rente ist zu klein, um große Sprünge zu machen und die Kinder sind in alle Himmelsrichtungen verstreut. Was aus dem großen Hof und dem Land einmal wird? Sie wissen es nicht.

Kurz vor 9 Uhr brechen wir auf. Zwar scheint die Sonne, doch wir merken, dass es langsam Herbst wird, es ist kühl. Über Pflastersteinstraßen, die schon lange nicht mehr befahren wurden, machen wir uns auf den Weg nach Söllenthin. Die Kirche, ein klassischer Feldsteinbau aus dem 14. Jahrhundert bleibt verschlossen, doch der Pflaumenbaum davor spendet reife Früchte. Von den Dorfbewohnern werden wir argwöhnisch beobachtet, ansprechen tut uns niemand. Man wird sich wohl erst noch an die Pilger – die Backpacker – gewöhnen müssen. Zu jung ist der Weg. Erst 1988 wurde er auf alten Pfaden von den Historikern Wolfgang Holtz und Klaus Janetzki eingerichtet. Das Wanderbuch dazu ist noch jünger, erst seit 2006 ist es im Conrad Stein Verlag erhältlich. Doch seitdem nimmt die Wanderbewegung stetig zu.

Daniel, der seine Gedanken in Ruhe ordnen möchte, geht einmal mehr vornweg, in gebührendem Abstand folge ich hinterher. Als ich ihn fast eingeholt habe, sind wir auch schon in Groß Leppin. Unsere Schritte beschleunigen sich von allein, wir kommen dem Ziel immer näher, nicht nur gefühlt. Doch jäh werden wir in unserer Euphorie am Ortsausgang gestoppt. Die Brücke, die über das Flüsschen Karthane führen soll, ist weg. Wir überlegen, ob wir nicht die Schuhe ausziehen und einfach hindurch laufen sollen, als uns ein älteres Muttchen davon abrät, der Fluss wäre dafür zu tief. Jedoch weiter oben gäbe es noch eine andere Brücke, nur einen Kilometer entfernt. Ob wir da wieder auf den Pilgerweg kämen? „Ja, ja. Müssters halt übers Feld. Nächstes Jahr soll die Brücke ja wieder stehen.“ Wir danken, nehmen den Umweg und befinden uns 10 Minuten später trocken am anderen Ufer. Zur Belohnung warten dort Apfel- und Pflaumenbäume, die Früchte allesamt reif. Wir greifen beherzt zu, es ist schließlich Mittagszeit.

Die Plattenburg, eine der größten norddeutschen Wasserburgen und direkt am Weg gelegen, richtet gerade eine Hochzeit aus. Die kleine Kapelle ist liebevoll geschmückt und die Gebäude, frisch renoviert, erstrahlen im schönsten Glanz. Die Tochter wollte unbedingt in einer Burg heiraten, die Familie musste organisieren, der Bräutigam fügte sich. Buchbar ist sie wohl für jedermann, die Anmeldung sollte jedoch frühzeitig genug erfolgen. Wir schauen dem Treiben eine Weile zu, dann wird es uns zu bunt, haben das Gefühl zu stören und wir gehen weiter.

Auch wenn die Kritik an den Hostien schon wenige Jahre nach dem Auffinden zu vernehmen war, konnte sie dem Pilgerzug doch keinen Abbruch tun. Wilsnack wurde zum Santiago des Nordens.

Wenige Kilometer später erreichen wir endlich Wilsnack, genauer Bad Wilsnack. Was muss das im Mittelalter für ein erhabener Moment gewesen sein, nach wochenlangen Strapazen endlich die ersten Häuser des Pilgerziels erblickt zu haben. Zu wissen, dass man beim Betreten der Kirche eine gewisse Anzahl an Tagen weniger im Fegefeuer schmoren musste, oder für seine Sünden Ablass erhielt. Auch wenn die Kritik an den Hostien, dem Heiligen Blut und ihrer Verehrung schon wenige Jahre nach dem Auffinden zu vernehmen war, konnte sie dem Pilgerzug doch keinen Abbruch tun. Wilsnack wurde zum wichtigsten Wallfahrtsziel Nordeuropas. Zum Santiago des Nordens. Hunderttausende sollen es jährlich gewesen sein, die ihren Schritt in Richtung dieses Ortes lenkten, aus welchen Gründen auch immer. Doch eine Frage bleibt zum Schluss: Warum versank dieser Weg in Vergessenheit, ins Unterbewusstsein der Geschichte?

Bis zu Zeiten der Reformation war Wilsnack ein Wallfahrtsort, der noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich aus Gasthäusern und Restaurationen bestand. Doch Luther missfiel jegliches Pilgern, jeglicher Hostienkult. Aber vor allem missfiel ihm, was die katholische Kirche damit tat. Und so kam es, dass der erste reformierte Pfarrer der Wunderblutkirche dem Ruf Luthers folgte und die Hostien in einem Anfall von Übermut 1552 unwiederbringlich dem Feuer übergab. Er zerstörte sie. Und damit fand die Wallfahrt nach Wilsnack ein jähes Ende.

Tief beeindruckt von der Größe der Wunderblutkirche, die heute vielerorts nur noch St. Nikolai genannt wird, betreten wir das Gotteshaus. Mächtig und imposant präsentiert es sich im Innern. In Rot-Tönen gehalten erstrahlt sie voller Erhabenheit, diese riesige Kirche, die gleichwohl kein Dom sein will. Eigentlich hielt ich mich bisher für einen Agnostiker, doch hier bin auch ich erschlagen von so viel schlichter Opulenz.

Obwohl die Hostien nicht mehr existieren sind Daniel und ich nicht enttäuscht, der Weg an sich ist ja Bereicherung genug gewesen. Und wieder kommen wir auf Schwester Anneliese zu sprechen, die in ihrer Behauptung, der Weg könne niemals das Ziel sein, auf der einen Seite zwar Recht hat, auf der anderen aber eben nicht. Denn rückblickend fühlt sich dieser Weg durchaus wie ein Ziel an. Auch wenn das eigentliche Ziel die Wunderblutkirche St. Nikolai ist. Und letztlich ist kein Pilgerweg umsonst, denn die gesammelten Tage, die sich in Summe irgendwann auf Jahre addieren werden, bleiben uns nun im Fegefeuer erspart. Darauf einen Kuchen und ein Glas Wein. Danke Wilsnack. Danke für die schöne Zeit.

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Sven Becker
Sven Becker
In Dresden aufgewachsen, in Berlin eine neue Heimat gefunden, starte ich von hier in die Fremde. Mal mit Rucksack, mal ohne. Mal in die Berge, mal an den Strand. Aber immer mit offenen Augen. Denn Abenteuer gibt es an jeder Ecke...

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