Auf dem Wunderblutweg – Tag 2

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Von Linum nach Protzen (25km)
Schwester Anneliese will erst noch zu Ende frühstücken, bevor sie uns in die Kirche von Linum lässt. „So viel Zeit muss sein“ sagt sie. Wir warten so lange im angrenzenden Kirchgarten, der ironischer weise über einen Apfelbaum verfügt. Da hatte wohl jemand Sinn für Humor. Nur noch die nassen Wiesen und vereinzelte Pfützen verraten, dass es die ganze Nacht hindurch geregnet hat. Doch jetzt ist keine Wolke mehr am Himmel, es verspricht ein angenehmer Herbsttag zu werden, die morgendliche Sonne wärmt. Zum Glück.
Wenig später kommt eine zierliche Frau im Schwesterngewand mit strammen Schritten auf uns zu. Sie beäugt uns, öffnet die Kirche und beginnt zu erzählen. Wie fast überall in der Gegend wurde auch hier im 14. Jahrhundert angefangen zu bauen. Ein gotischer Backsteinbau mit beeindruckendem Giebel. Dieser und der Turmunterbau sind noch aus den Anfangszeiten erhalten, der Rest wurde über die Jahrhunderte immer wieder neu aufgebaut. Die vielen Kriege haben auch hier ihre Spuren hinterlassen.

Der Weg kann nicht das Ziel sein. Denn dann wäre man ja mit jedem Schritt am Ziel und bräuchte somit nicht mehr weitergehen.

Als sie meinen Wanderführer sieht, wird sie leidenschaftlich. „Das gelbe Büchlein lügt“ sagt sie und zeigt mit ihren schmalen, langen Fingern auf den Titel. „Dieser Spruch: Der Weg ist das Ziel. Das kann doch gar nicht sein.“ Als sie meinen fragenden Blick bemerkt, erklärt sie mir ihre Gedanken. „Nun, in der Bibel steht, Jesus Christus ist der Weg. Durch ihn gelange ich ans Ziel. Wenn das Ziel aber nun der Weg wäre, wär ich ja schon da. Und das kann nicht sein.“ Aus dieser Logik heraus habe ich den Satz noch nie hinterfragt und so gibt sie Daniel und mir etwas zum Nachdenken mit auf den weiteren Weg. Aber Recht hat sie. Egal ob im Verständnis der Religion oder in Betrachtung einer Wanderung; der Weg kann nicht das Ziel sein. Denn dann wäre ich ja mit jedem Schritt am Ziel und bräuchte damit nicht mehr weitergehen. Manchmal sind die einfachen Dinge aber auch kompliziert und die Komplizierten ganz einfach.

Das nächste Ziel ist übrigens Hakenberg, ein geschichtsträchtiger Ort. Im Jahre 1675 schlugen sich hier die Truppen der Preußen, in der Zahl 5.600, mit denen der Schweden, 11.000. Und obwohl letztere bei weitem in der Überzahl waren, wurden sie besiegt. Durch preußisches Gardemaß und Disziplin, Beginn einer brandenburgischen Großmachtstellung. Eine Siegessäule, kleiner als die in Berlin, aber nicht weniger opulent, erinnert an die Schlacht von Fehrbellin, die eigentlich eine bei Hakenberg war. Die Allee zwischen dem Denkmal und der Säule markiert noch heute den ehemaligen Frontverlauf, wir wandern also auf historischen Pfaden. In der Kirche ausgestellt sind alte Kanonenkugeln, stille Zeugen der damaligen Schlacht. Bauern fanden sie noch Jahre später auf ihren Feldern.

Der Weg führt uns, mal über Plattenwege, dann wieder über Wiesen, immer am Luchgraben entlang zum kleinen Dörfchen Tarmow. Wie die anderen auch, ein verschlafener Ort ohne besondere Sehenswürdigkeit. Wäre da nicht – wie sollte es anders sein – die Kirche. Die fällt nämlich schon von weitem auf. Ist sie doch kein für die Gegend typischer Feldsteinbau, sondern erstrahlt im schönsten preußischen Klassizismus. Frau Koch, die im Besitz des Schlüssels ist, gewährt uns Eintritt und erzählt. „Die alte Kirche musste weichen“ sagt sie. „Sie war der Gemeinde zu klein geworden. Durch den Torfabbau wurden die Leute hier reich und immer mehr zogen in das Dorf und machten es groß. Heute ist es genau umgekehrt.“ Ein trauriges Lächeln umspielt dabei ihre Lippen. Es wurde also zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein gewisser Herr F. Jacobi beauftragt, eine Kirche im Stile der von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Normalkirche zu bauen. Und so wie sie 1835 eingeweiht wurde, steht sie noch heute. Nebst Holzvertäfelungen und Wandbemalungen im Innern, typisch für die damalige Zeit. „Ist alles noch original. Auch der Teppich“ schmunzelt sie. Ein riesiger Bau. Fast zu groß für diesen kleinen Ort. Doch der war ja auch mal größer.

Die Ruhe der letzten beiden Tage ließ uns vergessen, wie viel Lärm menschliches Treiben eigentlich verursacht.

Wir folgen weiter dem sehr gut ausgeschilderten Weg, der seit Flatow auch als offizieller Jakobsweg mit Muschel und gelben Pfeilen gekennzeichnet ist. Fehrbellin heißt die nächste Station. Und so einladend, wie der Name vermuten lässt, ist die Stadt dann leider doch nicht. Der Weg führt direkt an Gewerbegebieten vorbei durch den Vorort, und dieser ist sehr belebt. Die bisherige Ruhe ließ uns vergessen, wie viel Lärm menschliches Treiben eigentlich verursacht. Dem zu entfliehen beschleunigen wir unseren Schritt, verpassen dabei leider die Kirche mitten im Zentrum, sind aber nach 5 Kilometern schon wieder in ruhiger Natur.

Erst im Schein der untergehenden Sonne erreichen wir Protzen, ein 600-Seelen-Dorf, die Kirche ausnahmsweise mal offen. Familie Wildt ist im Besitz des Schlüssels und hält Andacht. Man wartet auf Pilger, nicht aber auf uns. Da kommen wohl noch andere. Und richtig. Wenig später kommen sie, zwei weitere Pilger, zwei Frauen diesmal. Die ersten Gleichgesinnten unterwegs. Wir verabreden uns für morgen, werden uns unterwegs wahrscheinlich sowieso sehen. Letztendlich haben wir das gleiche Ziel. Und das ist ausnahmsweise einmal nicht der Weg.

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Geschrieben von

Sven Becker

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